Der Held der Pariser Kinder

Für gerade mal 80 Cents verkauft Vincent Safrat Kinderbücher an Familien, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Wie geht dieses Geschäftsmodell auf?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Sonntag in Paris: Die kleinen Bewohner des 18. Bezirks treten sich in der Buchhandlung Jacqueline de Romilly gegenseitig auf die Füsse. Sie versuchen alle, an den mit Büchern beladenen Tisch von Lire c’est partir zu gelangen, der als Teil des Büchersalons der Solidarischen Jugend eingerichtet wurde. Die Aufregung und Spannung unter den Kindern macht es schwierig vorwärtszukommen, geschweige denn, einen der begehrten Romane zu erreichen. Der Trubel hat einen besonderen Grund: Die Kleinen, die teilweise noch nie ein Buch besessen haben, sind plötzlich und wie aus Zauberhand Besitzer eines oder zweier Romane.

Sophie vertieft sich ohne weitere Umstände in «Schneewittchen und die sieben Riesen», während Paul sich in die Schlange stellt, um das Buch «Der Musketierlehrling» zu empfangen, das erst noch vom anwesenden Illustrator Grégoire Vallancien mit einer Widmung versehen wird. «Monsieur, ich habe nur zwei Euro auf mir, aber ich komme morgen mit 40 Cents zurück, um ein drittes Buch zu kaufen.» Jedes Buch kostet 80 Cents, etwa 90 Rappen.

2,5 Millionen Exemplare verkauft

Hier in diesem Quartier, nicht weit weg vom einkommensschwachen Saint-Ouen-Viertel, hat Vincent Safrat schon vielen Kindern ein wenig Seligkeit gebracht. Egal, ob der Büchersalon in Saint-Ouen oder Clichy-sous-Bois stattfindet, jedes Mal gehen rund 2000 Bücher an lesehungrige Kinder weg. Safrat mag in den vornehmen Literaturkreisen kein Begriff sein, aber das hinderte ihn nicht daran, letztes Jahr gut 2,5 Millionen Bücher zu verkaufen.

Das Geheimnis dieses unkonventionellen Verlegers: der tiefe Preis. Da ein Kinderbuch in Frankreich normalerweise etwa 7 Euro kostet, stellt Lire c’est partir alle Konkurrenten problemlos in den Schatten. «Ein Buchpreis besteht zu 60 Prozent aus Vertriebskosten.» Safrat ignoriert die herkömmlichen Transportkanäle und erledigt den Vertrieb persönlich, was seine Kosten drastisch senkt. Auch der Druck eines Taschenbuchs mit weniger als 160 Seiten kostet nur 30 Cents. Was die Marge des Verlegers betrifft, die im handelsüblichen Schnitt bei etwa 15 Prozent liegt – die gibt es bei Lire c’est partir gar nicht. Vincent Safrat: «Jeder Profit ist eine Gaunerei.»

Ein später Bücherwurm

Vincent Safrat wuchs im Vorort von Essonne auf, und Bücher wurden auch ihm nicht in die Wiege gelegt. Der Autodidakt entwickelte sich eher spät zum Bücherwurm. Als er Gustave Flauberts «Die Schule der Empfindsamkeit» las, wurde ihm klar: «Lesen kann das Studium ersetzen. Daher meine Idee, Bücher denen zu vermitteln, die nicht lesen.»

1992, nach einer ersten Erfahrung in der Verlagswelt, begann Vincent Safran seine täglichen Visiten bei diversen Verlagen und holte sich dort die unverkauften Exemplare, die sonst meist entsorgt werden. Dann ging er an Wochenenden in Essonne und Umgebung von Haus zu Haus und gab die Bücher gratis ab. «Es beeindruckte mich, wie dankbar sich die Eltern im Namen ihrer Kinder zeigten. Für sie waren die Bücher ebenso wertvoll wie eine gute Note in der Schule.»

Dennoch war es nicht einfach, die Verleger zu überzeugen, obwohl einige namhafte Figuren der Branche wie Robert Laffont die Idee unterstützten. Ein Teil des heutigen Erfolgs liegt darin, dass Safrat die Kinderbücher selbst und günstig produzieren kann. 1998 erklärte ihm ein befreundeter Vertreter, dass ein Taschenbuch für nicht viel mehr als einen Franc gedruckt werden kann. Das liess sich Safrat nicht zweimal sagen. Obwohl er staatliche Sozialleistungen bezog, nahm er das Risiko auf sich, 400'000 Druckexemplare zu bestellen, die er in weniger als vier Monaten verkaufen musste. «Ein Drucker hatte Vertrauen in mich – und er hat es nie bereut. Ich habe ihn immer pünktlich bezahlt!»

Ein französisches Interview mit Vincent Safrat. Quelle: One Heart

Als Safrat realisierte, dass viele Schulen keine Mittel haben, um sich selbst mit Lehrmaterial einzudecken, hatte er seine zweite zündende Idee. Er beschloss, sich auf Erziehungsinstitute zu konzentrieren. Um mit den Lehrern in Kontakt zu kommen, wandte er sich an die staatlichen Erziehungsinspektoren, die sehr empfänglich waren für die Idee und sofort mithalfen. Die Schulen können durch Lire c’est partir Bücher für ihre Schüler beziehen und einen Bücherverkauf für die Eltern organisieren.

«Die Marktwirtschaft auf den Kopf gestellt»

Jahrelang war dieser unauffällige, schlaksige Mann fast jedes Wochenende auf den Strassen unterwegs, um seine Kisten von Büchern in die benachteiligten städtischen und ländlichen Wohnviertel zu bringen. Die Verfasser dieser Bücher kommen auch nicht zu kurz, weil die grossen Auflagen hübsche Tantiemen abwerfen. Originalwerke – «meist einfacher zu kriegen» – machen die Mehrheit der rund 130 Titel im Katalog aus. Sie sind billiger zu produzieren als die Klassiker, weil sie nicht unter Lizenz stehen.

Vincent Safrat, der noch nicht zufrieden ist mit seiner sozialen Wirkung, organisiert auch Bücherworkshops im 19. Bezirk von Paris, in einem der öffentlichen Buchdepots seiner Organisation. «Er hat die Marktwirtschaft auf den Kopf gestellt, weil er anders denkt», sagt Alexandre Jardin, Autor und Mitbegründer des Vereins Lire et Fair Lire. Heutzutage hat Safrats Lire c’est partir 12 Angestellte und sechs Lieferwagen, die Bücher vertreiben, und er selbst bezieht jetzt ein Salär. Die Organisation hat es bis heute geschafft, all das zu erreichen, ohne je auch nur einen Rappen staatliches Geld anzunehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 11:26 Uhr

Initiant:
Vincent Safrat

Projekt:
Lire c'est partir, Frankreich

Website:
www.lirecestpartir.fr

Autorin:
Caroline de Malet, «Le Figaro»

Übersetzung:
Rosemarie Graffagnini

Günstige Kinderbücher in Paris

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht Eleganz

Michèle & Wäis Sex oder gar nichts

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Wagemutig: Der 95-jährige Kriegsveteran Thomas Norwood landet nach einem Tandemsprung in Suffolk, Virginia, USA (15. Oktober 2017).
(Bild: Vicki Cronis-Nohe) Mehr...