Unser Verhältnis zum Gymi ist gestört

Privatschulen in Zürich sind überlaufen, manche schicken ihr Kind nach Deutschland aufs Gymnasium. Und alle schimpfen über die Gymiprüfung. Wieso?

Ein 11-jähriges Mädchen (6. Klasse) lernt auf die Langzeitgymnasium-Aufnahmeprüfung am Montag, 6. März 2017.

Ein 11-jähriges Mädchen (6. Klasse) lernt auf die Langzeitgymnasium-Aufnahmeprüfung am Montag, 6. März 2017.

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Sie gehört zum Zürcher Medienjahr wie Ostern zum Kirchenjahr: die Aufregung rund um die Gymiprüfung im März. Alle Jahre wieder heisst es: Zu viele kommen ans Gymi! Oder: Die Falschen! Oder: Die Mädchen! Die mit der guten Vorbereitung, die mit den privaten Präpkursen, den unterstützenden Eltern; oder gar: die Fleissigen (unerhört!).

Während die einen jedoch die Selektionskeule schwingen, IQ-Tests fordern, sich Verschärfungen wünschen, schlagen andere neue Wege vor wie die Abschaffung des Langzeitgymis oder, wie etwa der Kantonsschullehrer und Bildungsexperte Andreas Pfister, eine Schulpflicht bis 18, die dazu führen soll, dass je rund 30 Prozent eine gymnasiale, die Berufs- und die Fachmatura erlangen. So bekäme quasi jeder eine Chance, der hiesige Arbeitsmarkt würde mit gut gerüsteten Jugendlichen bedient und der Zufluss fremder Fachkräfte gesenkt, die ja vom leichteren Zugang zum Studium in ihrer Heimat profitieren.

Die Bildungsmacht des Geldbeutels

Die Meinungen könnten also weiter nicht auseinandergehen. Eins aber zeigt sich jedes Jahr wieder: Es knarzt im Gebälk unseres Bildungssystems.

Gründe dafür gibts durchaus: So bestimmen die Finanzen und der Bildungshintergrund der Eltern bis heute massgeblich, welchen Schultyp die oder der Jugendliche besucht. Und mittlerweile hat es sich zwar herumgesprochen: Die wichtigste Ressource der Schweiz ist die Bildung; es mangelt an Hochqualifizierten; die individuellen Möglichkeiten schrumpfen ohne eine – wie auch immer geartete – Matura, und die frühe Berufswahl ist häufig verkehrt; nicht zuletzt erzielt eine ressourcenorientierte, bestärkende Pädagogik viel bessere Resultate als eine schwächenorientierte, selektionierende. Trotzdem sollen die Schülerzahlen am Langzeitgymi gedrosselt werden, und bei den anderen Matura-Arten ist keine Quotensteigerung in Sicht.

Daher wird ein irrer Druck aufgesetzt: auf die Schulen, die Schüler, die Lehrer. Und man pflegt eine Reihe von Mythen. So hält sich besonders unter den Mint-Lehrern hartnäckig die seltsame Auffassung, dass der ungenügende Notenschnitt einer ganzen Klasse in einem Test im Grunde ein Leistungsausweis der Lehrperson sei statt ein Beleg pädagogischer Unfähigkeit. Zeugnisse sehen da ab und an aus, als hätten sich ein paar Lehrpersonen spontan einer Abrundungsorgie hingegeben. Oft wird zudem vermutet, studierte schweizerische sowie ausländische Eltern verstünden das duale System mit seinem alternativen Weg über die Lehre zur Berufsmatur (die im Ausland nicht wirklich zählt) nicht recht.

Dabei wird übersehen, dass dieses System zumindest in den deutschsprachigen Nachbarländern ebenfalls bestens verankert ist. Und: Die an der Stelle gern zitierte geringe Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland – wo, je nach Bundesland, 30 bis rund 50 Prozent eines Jahrgangs die allgemeine Hochschulreife erwerben – noch niedriger als in der Schweiz.

Pluspunkt International School

Auf einmal überrascht da überhaupt nicht mehr, dass die relativ hohe Zahl an internationalen Schulen in Zürich laut der aktuellen Mercer-Studie wesentlich zur weltweit zweithöchsten Lebensqualität der Stadt beiträgt. Schaut man sich in Foren von Zürcher Expats um, findet man häufiger Klagen über die Defizitorientierung der lokalen Schulen: Man rät dort zur Privatschule; insbesondere «die Sek» hat einen schlechten Ruf.

Allgemein ist der Run auf Privatschulen der Primar- wie der Sekundarstufe in Zürich ungebrochen. Auch schweizerische Familien und solche, die seit Jahrzehnten hier leben, entscheiden sich verständlicherweise für sie; manche dieser Schulen haben in den letzten Jahren zusätzliche neue Klassen aufmachen können. Wobei jeden Morgen auch ganze Schülergruppen von Zürich etwa ins deutsche Waldshut fahren, um dort (gratis!) das deutsche Gymnasium zu besuchen. Andere grenznahe Gymnasien in Singen oder Konstanz verzeichnen eine ähnliche Klientele.

Das hiesige Schulsystem verfügt über viele Qualitäten und auch wunderbare, engagierte Lehrpersonen. Das sollte aber nicht dazu führen, sich fanatisch gegen die kritische Selbstreflexion und eine grössere Öffnung zu sperren.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 19:23 Uhr

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