Wenn die wüssten, was sie verpassen

Jeder vierte St. Galler war noch nie in der Romandie, jeder fünfte Genfer kennt die Deutschschweiz nicht. Eine Anleitung zum Entdecken.

Ein Mehr an Möglichkeiten: Die Bains des Pâquis im Genfer Seebecken. Foto: Olivier Vogelsang (Edipress)

Ein Mehr an Möglichkeiten: Die Bains des Pâquis im Genfer Seebecken. Foto: Olivier Vogelsang (Edipress)

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Sollten Sie zu jenen Schweizerinnen und Schweizern gehören, von denen die letzte Umfrage des Instituts Sotomo handelt, weil sie nämlich noch nie in einen anderen Landesteil gereist sind, dann könnte die Lektüre dieses Artikels Sie glücklicher machen als Hawaii.

Drei Fakten: 14 Prozent der Deutschschweizer waren noch nie in der Romandie, 15 Prozent Welsche fanden nie den umgekehrten Weg. Und nur jeder zweite Welsche war jemals im Tessin. Viele dieser Menschen haben also noch nie den Lac Léman oder den Pilatus gesehen, das Engadin im Herbst erlebt oder Zürich im Sommer. Die Hügel im Appenzellerland, die schroffe Via Mala, das Val d’Anniviers, die Piazza Grande von Locarno. Und sie haben noch nie die Verschiedenheit im eigenen Land erlebt, dass man auf der Post Französisch redet oder Italienisch im Coop.

Fünf Orte, fünf Gründe

Und jetzt das Versprechen: Sie bekommen keine Staatskunde serviert, es wird Ihnen kein Bedauern über das Auseinanderfallen der Schweiz aufgedrängt, die Willensnation Schweiz bleibt un­beschworen, die Schweiz im Herzen Europas und andere kardiologische Analogien werden nicht bemüht, der Streit über das Spätfranzösisch wird nicht ­wieder ausbrechen, und auf die infame Behauptung, die Welschen seien weniger patriotisch, gehen wir gar nicht erst ein.

Vielmehr geht es hier darum, zu erklären, was über eine Million Schweizerinnen und Schweizer bis jetzt in ihrem Leben verpasst haben. Warum die St. Galler den direkten Zug nach Genf nehmen sollten, und das nicht nur während des Auto-Salons. Warum die Lausanner vom Basler Münsterhof aus auf Rhein, Deutschland und Frankreich schauen sollten.

Der musikalische Hang über Nyon

Besucher des 40. Paléo-Festivals 2015. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Die Kleinstadt am Lac Léman vermittelt schläfrige Idylle vor spiegelglattem Wasser, die Aussicht wie in ein Hodler-Bild. Zweimal im Jahr erbringt der Ort Weltklasse. Im April mit Visions du réel, dem internationalen Festival des Dokumentarfilms, bei dem man jedes Jahr aufs Neue bestätigt bekommt, dass die Schweizer darum so exzellente Dokumentaristen sind, weil sie von ihrem Typ her Realisten sind. Und im Juli pulsiert am sanft ansteigenden Hang über der Stadt das Paléo-Musikfestival, eines der schönsten Festivals der Welt, lokal gewachsen, global ausgerichtet.

Der Kronberg in Appenzell Innerrhoden

Hohes Ziel für die Bundesratsreise 1970. Foto: Beat Saager (Keystone)

1663 Meter hoch, steil ansteigend auf der einen und mit verschatteten Rinnen auf der abweisenden Seite. Oben auf dieser «riesigen Molassenknolle», wie sich der notorische Wandermann (und Appenzeller) Thomas Widmer ausdrückt, geht der Blick weit auf die bleckende Säntis-Kette und auf die voralpine Hügellandschaft mit Ausläufern bis an den Bodensee.

Die Strassen von La Chaux-de-Fonds

Blick über die Avenue Léopold-Robert. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Der viertgrösste Ort der Romandie ist eine Stadt von strenger Schönheit, vertikal und horizontal angeordnet. Senkrecht stehen die Hochhäuser im schmucklos-schönen Bauhausstil, senkrecht ragen die dunklen Juratannen auf den umliegenden Hügeln. Waagrecht fräst die vierspurige Avenue Léopold-Robert durch die Stadt, zwei gerade Kilometer entlang Garagen, Tankstellen, des Musiksaals, des Theaters, des Debattierclubs 44. Senkrecht fällt der Schnee ab Oktober, waagrecht liegt er noch im April. Nach einem verheerenden Brand wurde La Chaux-de-Fonds im Schachbrettmuster wiederaufgebaut, lange vor New York.

Basel, das Rheinufer an der Mittleren Brücke

Vor dem Feuerwerk zur Bundesfeier 2011. Foto: Patrick Straub (Keystone)

Auf der Kleinbasler Seite, wo die Schüler und Studenten herumliegen, die einen reden, die anderen lesen, der Rhein fliesst gelassen Richtung Rotterdam, die Hitze flirrt. Trams und Velos überqueren die Brücke, der Blick geht auf die Patrizierhäuser auf der anderen Seite. Später zum Apéro in den Schmalen Wurf oder flussabwärts gehen bis zum Hafen.

Genf, Bains des Pâquis

Der See wird zum Meer. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Die schönste Genferin ist ein Bad für alle auf der lang gestreckten Hafenmole. Hier sieht der See aus wie ein Meer und die Schweiz wie ein Mehr an Möglichkeiten. Er riecht nach Olivenöl, Haschisch und Limonade, der Verkehr rauscht wie von weit her, man liegt träge am Wasser oder sitzt beim Roten. Kinder kreischen, Frauen lachen, Männer schauen ihnen zu. Abends spielt eine scharfe Band, das Essen ist günstig und gut. Hier treffen die Ankläger auf die Angeklagten, die Krawattenträger auf die Tätowierten und ja; die Deutschschweizer auf die Welschen.

Hier vergessen die Schweizer alle ihre Zwänge auf einmal.

Erstellt: 10.05.2016, 08:25 Uhr

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