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Das Rätsel um Flug AF562

Die Landung eines Airbus von Air France in Syrien sorgte für Kopfschütteln. Jetzt zeigt ein Bericht, wie es wirklich dazu kam.

Airbus A330 von Air France.
Airbus A330 von Air France.
Air France

Am Quai d'Orsay war man geschockt. Im Palast des französischen Aussenministeriums an der Pariser Uferpromenade herrschte am 15. August Hochbetrieb. «Wir fielen fast von unseren Stühlen», erzählte ein Teilnehmer der Krisensitzung dem Magazin «L'Express». Das Magazin hat nun den ganzen Irrflug von AF562 rekonstruiert und dabei viele neue Details an den Tag gezerrt.

An jenem Mittwochabend um 21.20 Uhr hatten die Auslandexperten der Regierung in Paris eben erfahren, dass der Airbus A330 von Air France mit 174 Passagieren an Bord in der syrischen Hauptstadt aufgesetzt hatte. Eigentlich hätte er in Beirut landen sollen. Doch in der libanesischen Hauptstadt hatten Demonstranten die Strasse zum Flughafen gesperrt, es kam zu Gewaltausbrüchen. Die Betriebszentrale der Airline in Paris beschloss deshalb, nichts zu riskieren und Flug AF562 umzuleiten. Warum man sich dabei ausgerechnet für Syrien entschloss, wird inzwischen klarer: Es lag vor allem auch an einem kleinen Defekt.

«Da draussen stehen Soldaten»

An Bord der Maschine befanden sich Franzosen und Libanesen. Unter ihnen waren viele, die das Regime in Damaskus bekämpften. Auch der französische Botschafter im Libanon sass im Flieger. Kurz zuvor hatte Paris die diplomatischen Beziehungen mit Syrien abgebrochen und Diktator Baschar al-Assad zum Verlassen des Landes aufgefordert. Die Landung im Feindesgebiet war deshalb extrem heikel.

«Als wir landeten, war kein Licht zu sehen. Alles war dunkel. Das war sehr beängstigend», erzählte ein Passagier. «Da draussen stehen Soldaten», hätten Reisende ausgerufen. Daraufhin seien die Jalousien geschlossen worden und man habe sie angewiesen, keine Fotos zu machen. Der französische Aussenminister Laurent Fabius meinte später, es sei «unverständlich und gefährlich» gewesen, in Syrien zu landen. Air France habe eine «enorme Dummheit» begangen.

Es begann nach dem Start

Das Schicksal nahm bereits kurz nach dem Start am Flughafen Paris Charles de Gaulle um 16.49 Uhr seinen Lauf, wie «L'Express» berichtet. Der Pilot habe nach fünf Minuten Flugzeit der Betriebszentrale mitgeteilt, dass die Heizung der rechten Cockpitscheibe nicht funktioniere. Und gefragt, ob er umkehren solle. Aus Paris wurde ihm beschieden, er solle weiterfliegen, den Defekt aber am Boden umgehend reparieren lassen. Als die Landung in Beirut um 20.20 Uhr nicht möglich war, standen gemäss den Standardprozeduren von Air France drei Ausweichorte zur Verfügung. Kairo war aber zu weit weg und in Larnaca hat die Airline kein Ersatzpersonal stationiert. Daher musste es Amman sein. In der jordanischen Hauptstadt standen eine Crew und auch technisches Personal zur Verfügung.

Sofort kontaktierte der Pilot die Jordanier und erhielt auch die Bewilligung, am Königin-Alia-Flughafen zu landen. Doch die syrische Flugaufsicht war weniger kooperativ. Sie begriff offenbar zuerst nicht, weshalb der Airbus über ihr Territorium fliegen wollte. Sie befahl später der Crew, um 270 Grad abzudrehen – eine völlig unübliche Anweisung. Während dreissig Minuten folgten sich teilweise widersprechende Befehle. Der Pegel des Treibstofftanks sank in dieser Zeit bedrohlich. «Die wollen uns zum Spazieren zwingen», soll der Kopilot noch gescherzt haben. Der Kapitän habe da bereits die Order an die Flugbegleiter gegeben, die Kabine für eine Notlandung vorzubereiten.

Passagiere als Geiseln

Nun funkte das Cockpit «Mayday, Mayday». Der Pilot wusste, dass er nicht mehr nach Amman kommen konnte und beschloss, in Damaskus zu landen. Einmal am Boden ging das Drama weiter. Die Syrer weigerten sich, den Jet von Air France zu betanken. Sie verlangten Bargeld für das Kerosin – insgesamt 17'000 Dollar. Die Kabinenbesatzung begann die Reisenden in der Businessklasse anzupumpen. Doch inzwischen lief die Diplomatie bereits auf Hochtouren. Es war nun 22 Uhr. Der rumänische Botschafter in Damaskus, der die französischen Interessen im Lande vertritt, intervenierte bei der syrischen Regierung. Und auch die Verantwortlichen der befreundeten Royal Jordanian liessen ihre Beziehungen spielen. Mit Erfolg. Der Flieger wurde doch noch betankt. Um 23 Uhr, eine Stunde und 40 Minuten nach der Landung, hob der Airbus wieder ab. Er steuerte Larnaca an.

Es sei ein Wunder, dass alles so glimpflich verlaufen sei, sagen Insider aus dem Aussenministerium gegenüber «L'Express». «Die Syrier hätten den Flieger blockieren und uns dabei vorwerfen können, wir hätten ihren Luftraum verletzt», so ein Mitarbeiter zum Magazin. Und im schlimmsten Fall hätte das Regime die Passagiere als Geiseln nehmen können, so seine Analyse. Zum Glück kam es nicht dazu.

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