Raus aus der Flachland-Hitze – die Alpengärten rufen

Sie liegen auf über 1500 Metern über Meer. Jetzt ist der richtige Moment für einen Besuch der alpinen Gärten.

Bergidylle mit 4000 Pflanzenarten: Der Alpengarten Flore-Alpe in Champex. Foto: Christian Perret (Wallis Tourismus)

Bergidylle mit 4000 Pflanzenarten: Der Alpengarten Flore-Alpe in Champex. Foto: Christian Perret (Wallis Tourismus)

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Wenn im Unterland langsam der erste Blütenrausch der Gartensaison abflaut, geht es in den Bergen erst so richtig los. Dann zeigen sich die Bergwiesen von ihrer schönsten Seite, und dann ist auch der richtige Zeitpunkt, um den Alpengärten einen Besuch abzustatten.

Für wen sich das lohnt? Für jene, die wissen möchten, was da so alles wächst. Wie schön, wenn man auf der nächsten Wanderung den einen oder anderen Pflanzennamen in die Runde werfen kann. Oder für jene, die nicht unbedingt extra in den ­Himalaja oder den Kaukasus ­reisen möchten, aber die Flora aus diesen Gebieten trotzdem kennen lernen möchten – denn in den meisten Alpengärten ist nicht nur die einheimische Pflanzenwelt zu sehen, sondern alpine Pflanzen aus der ganzen Welt.

Typisch schweizerisch

Nicht zuletzt lohnt sich ein Besuch auch für Gartenkultur-Interessierte. Die Schweiz gehörte in der Geschichte der Gartenkultur nicht zu den Trendsettern, sondern übernahm Impulse aus Italien, Frankreich oder England. Aber die Alpengärten, die sind typisch schweizerisch.

Es sind Gärten auf über 1500 m ü. M., wo die Saison kurz und das Wetter unberechenbar ist. Wer da oben überleben will, der muss wissen, wie es geht: wachsen und blühen, sobald der Schnee weg ist und die ersten Sonnenstrahlen den Boden ­wärmen. Dann gilt es, schnell ­Samen zu bilden und sich zu ­vermehren, denn mehr als 150 schneefreie Tage gibt es selten in dieser Höhe.

Bergbahnen bedrohten die Natur

Doch für rund 4000 Pflanzen in der Schweiz und viele andere Gebirgspflanzen ist dies genau das perfekte Wohlfühlklima. Einige von ihnen gedeihen sogar nur da oben, gehen ein, sobald man sie im Flachland kultivieren möchte. Von 100 untersuchten Arten hat die Botanikerin Christine Föhr vom Institut fürPflanzenwissenschaften in Bern zwar nur 3 Arten herausfiltern können, die im Unterland nicht wachsen wollen: die Arnika, der Gegenblättrige Steinbrech und die Echte Edelraute. Aber hochgerechnet auf die gesamte Alpenflora sind es viele mehr. Diese alle bitten zu Berge.

Um diese und weitere alpine Arten zu schützen, sind die Alpengärten überhaupt entstanden. Ende des 19. Jahrhunderts, als eine Bergbahn nach der anderen eröffnet wurde und Touristen aus aller Welt in die Höhe beförderte, geriet die Alpenflora in Bedrängnis. Euphorisch wurden Pflanzen gepflückt und ausgegraben, sodass einige Arten wie zum Beispiel das Edelweiss bald vor dem Aussterben bedroht waren. Um sie zu schützen und die Touristen zu sensibilisieren, entstanden die ersten Alpen­gärten. Einer der ältesten, noch heute erhaltenen Alpengärten ist La Linnae bei Bourg-Saint-­Pierre. Er wurde 1889 von Henry Correvon, einem Gärtner aus Yverdon, gegründet.

Forschen und sammeln

In vielen Bergkantonen sind Alpengärten zu finden. Einige dienen auch der Forschung, wie etwa der Alpengarten Schynige Platte oder der Alpengarten ­ Maran, in anderen, wie auf der Schatzalp, wird leidenschaftlich gesammelt. Und in vielen Gärten trifft man treue Seelen. Gärtner, die keine sehr attraktiven Anstellungsbedingungen haben, da sie – wie die Alpsennen auch – im Winter eine andere Beschäftigung suchen müssen. Aber viele von ihnen haben ein so grosses Herz für die Bergflora, dass sie dafür einiges auf sich nehmen. In La Thomasia lebt der Gärtner in einer Hütte gleich neben seinem Garten. Vielerorts reisen Freiwillige rauf und runter, um in ihrer Freizeit zusammen mit Fachkräften die Alpengärten zu jäten und zu pflegen.

Erstellt: 23.06.2019, 20:22 Uhr

Die höchsten Gärten der Schweiz: Eine Übersicht

Der Vielfältige: Alpinum Schatzalp, Davos GR. Weitschweifende Gartenlandschaft voller Raritäten und grosser Sammlungen vonalpinen Arten. Schwerpunkte: Anemonen, Glockenblumen, Storchschnabel-Arten, Pfingst­rosen-Wildarten, Enzianen (ca. 500 verschiedene) und Wolfsmilch. Zudem eine der weltweit grössten Edelweiss-Sammlungen.www.alpinum.ch

Der Höchste: Alpengarten La Rambertia, Rochers-de-Naye VD. Mit einer Lage auf 1980 m ü. M. der wohl höchste Garten der Schweiz. Und einer der spektakulärsten: Die rund 1000 vorwiegend kalkliebenden Alpenarten sind links und rechts des Rochers-de-Naye-­Grates angesiedelt. www.rambertia.ch

Der Einheimische: Alpengarten Schynige Platte, Wilderswil BE. Ein Refugium der heimischen Alpenflora. 600 Arten, die in der Schweiz oberhalb der Waldgrenze wachsen, sind hier anzutreffen – und zwar jeweils im Beisein jener Pflanzen, mit denen sie sich den Platz auch in ihren natürlichen Lebensräumen teilen.www.alpengarten.ch

Der Idyllische: Alpengarten Flore-Alpe, Champex VS. Schmale Pfade führen zu verschiedenen Lebensräumen: Moorlandschaft, Moräne, Trockengebiete. Eine idyllische Gartenwelt mit 4000 Pflanzenarten aus verschiedenen Gebirgen der Welt. Grosse Sammlungen von Rhododendren, Primeln, Mannsschild und Hauswurz. www.flore-alpe.ch

Weitere Alpengärten:Alpengarten Aletsch, Riederalp VS, www.pronatura-aletsch.chAlpengarten La Thomasia, ­Les-Plans-sur-Bex VD, www.botanique.vd.chAlpengarten Les Tussilages, Les Diablerets VD, www.lestussilages.jimdo.comAlpinum Maran, Arosa GR,www.arosa.chAlpengarten Hoher Kasten, Brülisau AI, www.hoherkasten.chAlpengarten Höreli, Adelboden BE, www.tschentenalp.ch

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