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Die andere Algarve – ein Geheimtipp für Geniesser

Die östliche Algarve ist für Schweizer noch unentdecktes Gebiet. Dabei ist sie romantisch und grün. Auch grün im übertragenen Sinn. Vier Szenen und einige Informationen.

Der Naturpark Ria Formosa: So weit der Blick reicht nur flache Sandstrände – vom offenen Meer durch Sandbänke getrennt.
Der Naturpark Ria Formosa: So weit der Blick reicht nur flache Sandstrände – vom offenen Meer durch Sandbänke getrennt.
Hans-Georg Roth

Olhão, Fischmarkt

Geschrei, Platschen, Hackgeräusche. Ein Mann trägt Gitter mit frischen Butten herein und schichtet sie zu den anderen: 7 Euro pro Kilo. Gleich viel kosten die silbernen Espadas, meterlange Tiere in Form flacher Riemen. Die Fischpreise bewegen sich zwischen 1.50 und 15 Euro, da findet jeder der Einheimischen etwas. Die wenigen Touristen schauen nur zu.

Draussen ist Samstagmarkt. Hühner, an den Beinen gebunden, sitzen gottergeben in einem Korb. Daneben werden Trauben präsentiert, Feigen, Bohnen in x Varianten, Maismischungen fürs Vieh, Berge kleiner Schnecken und Kreuzchen aus Feigen, durch die im rechten Winkel eine Mandel gesteckt ist.

In den engen Gassen hört man fast nur Portugiesisch. Kaum zu glauben, dass 60 Kilometer weiter im Westen kaum einer verstehen würde, was die Leute hier flüstern, rufen, schreien, posaunen. In der Apotheke ist man unter sich; der Lauscher aus der Schweiz wird nicht als solcher erkannt. «Es ist für da unten», sagt eine Dicke zum Apotheker und greift sich zwischen die Schenkel. Olhão ist wirklich noch kein mondäner Ort.

Ich nehme im Hafen eine Fähre nach Culatra. Das Inselchen glüht in der Mittagshitze. In einer der drei Beizen versteht man mich falsch, liefert mir doppelt so viel Riesencrevetten und Fisch, als ich bestellt habe, und will mir danach den halben Preis erlassen. Ein schmaler Weg führt zwischen einstöckigen Häuschen mit Fischern und Feriengästen hindurch, man trinkt, döst, spielt Domino. Der Weg wird zum Lattensteg, windet sich über Sandberg und Sandtal zum Strand.

Olhão ist einer der wenigen Orte, die direkt am Meer liegen. Sonst versteckt sich die Ostalgarve hinter Sanddünen. Das war ihr Nachteil – der Osten kennt die Touristenburgen nicht, die dem Westen seit 30 Jahren eine Menge Geld gebracht haben. Heute entpuppt sich das Handycap als Glücksfall. Die Westalgarve kann einen Tourismus aufbauen, der vielleicht besser in die Zukunft passt.

Seit langem gibt es von Olhão bis Faro und weiter östlich und westlich schon den Naturpark Formosa: Die Dünen, die Wasserrinnen zwischen ihnen und dem Land, die Ufer dürfen nur eingeschränkt genutzt werden. Ein Teil der Küste ist geschlossener Park. Hier spriessen die Eryngien, die wie Curry riechen, und die Pinien; es gibt sogar eine Notfallstation für Vögel. Weiter draussen nimmt man es mit dem Schutz nicht genau; viele der Häuschen hier auf Culatra sind illegal gebaut worden.

Hotel Vila dgaé Albacora

Vom Vorgarten meines Zimmers aus blicke ich auf die Ria, die Rinne zwischen Land und Düneninsel. Einige Hotelgäste und Einheimische planschen im lauen Wasser. Rechts fährt ein Schiff mit Touristen an der Insel vorbei zur schmalen Insel Terra Estreita hinaus, wo man im Atlantik badet und für Liege und Schatten 18 Euro pro Tag bezahlt. Dafür gibts VIP-Service und Gratisgetränke.

Mein Hotel konnte nur deshalb hier entstehen – weit vor der kleinen Stadt Tavira, inmitten alter Salinenbecken, direkt am Wasser –, weil es die Gemäuer einer einstigen Wohnanlage für Thunfischer nutzt. Der burgartige Bau durfte um keinen Kubikmeter vergrössert werden. Dafür wurde er detailgetreu restauriert. Sogar der Name der Fischfirma steht noch an der Mauer zur Ria. Auch so gabs Proteste von Umweltschützern, die fürchteten, der Hotelverkehr werde die spezielle Vogelwelt dieses Zwischenreichs zwischen Meer und Land stören. Die Grünen haben sich knurrend zurückgezogen, konzentrieren sich nun auf Grossprojekte, deren Initianten die Regeln zu Gummi machen wollen. Noch ist die Schlacht um die Natur nicht ganz geschlagen.

Im Hotel steigen vor allem Portugiesen ab, weiter Briten, Leute aus Deutschland, Frankreich, Spanier. Praktisch keine Schweizer.

Schöne Nacht in Tavira

Samstagabend in Tavira. Aufgeputztes Volk jeden Alters drängt an meinem Restauranttischchen vorbei. Ich bin im Abendlicht in den alten Wasserturm hinaufgestiegen und habe mir mit der dort installierten Laterna magica Segmente der Stadt auf einen weissen Tisch projizieren lassen: Die altmodische Optik warf ein zuerst statisch erscheinendes Bild von weissen Mauern und kunstvoll gedeckten Türmchen hin, bis ich plötzlich bemerkte, dass vor einem Fenster Wäsche flatterte und dass in der seltsamen Liveübertragung auch winzige Menschen über eine holprig gepflasterte Brücke zapperten, viele Menschen.

Nun ist es dunkel, und ich bin unter ihnen. Es wuselt nur so. Fetzen eines nicht enden wollenden Tangos wabern herbei. Vor mir die Steineinfassung einer etwas erhöhten Gartenanlage, die zwei Teile einer Promenade voneinander abgrenzt. Auf der Einfassung kommt (fast im Takt) von rechts ein Hund balanciert. Er geht sauber um die Kurve und hinter den üppigen Palmen und Oleandern den ganzen Weg zurück wie ein Blechschwein in einer Schiessbude.

Hinter dem Gartenstreifen drängt sich das Volk an einer langen Reihe von Verkaufspavillons mit Büchern. Junge Mädchen stützen Omas, Männer schieben stolz ihre Kleinen durch die Nacht, Pärchen boxen sich zum Scherz. Auf dem grossen Platz spielt die Bigband. Zwischen den Palmenstämmen, an denen Lautsprecher befestigt sind, erkenne ich die Bewegung von Tanzenden. Der Tourismus hat Tavira seine südliche Vitalität offenbar nicht geraubt.

Auch Städtchen im Hinterland machen keinen verdorbenen Eindruck. In São Bras etwa werden handgemachte Strohhüte noch zu drei Euro verkauft, der Salat in der Freiluftbeiz kostet noch weniger. Und dies im idyllischen Ambiente alter Bauten mit leuchtenden Azulejos. São Bras möchte Mitglied in der Slow-Cities-vereinigung werden. Es ist Zentrum eines Korkabbaugebietes, ein Laden verkauft Hüte, Taschen und gar Schirme aus Kork; ein Wanderweg zum Thema Kork lockt Touristen an, die sich für mehr als die Oberfläche dieses Landes interessieren.

Die Gruppe der staatlichen Pousadas fängt an, in der Gegend zu investieren. In São Bras hat sie die leicht verstaubte Pousada aus der Franco-Zeit etwas aufgefrischt. Und im nahegelegenen Estói wird derzeit ein Traumschlösschen aus der Gründerzeit mit einem aufsehenerregenden Park sehr aufwendig restauriert und mit einem coolen Ergänzungsbau versehen. Die wohl luxuriöseste Pousada Portugals soll im Frühling 2009 eröffnet werden.

Ein Weg in die Zukunft

João Ministro und ich steigen hinter dem verschlafenen Dorf Alcoutim den Berg hoch. Noch sehen wir unter uns den breiten Grenzfluss Guadiana und das spanische Dorf am anderen Ufer, dann drehen wir zum Berg. Der Pfad, dem wir folgen, ist ein Wunder. Es ist der Anfang der Via Algarviana, eines 240 Kilometer langen Wanderweges, eingeteilt in Tagesetappen, an deren Endpunkt sich stets eine Unterkunft und eine Gastwirtschaft befinden. Er führt hinter der ganzen Algarve hindurch.

Viele Jahre lang hat die Naturfreundegesellschaft Almargem, deren Medienbeauftragter João ist, um Nutzungsrechte gekämpft, recherchiert, Dorfbewohner überzeugt. Nun ist der Weg beschildert und begehbar. Die EU und der Staat haben einen Fonds von über 80 Millionen Euro geäufnet, die der nachhaltigen Entwicklung dienen sollen. Almargem hat bisher 390'000 Euro für den Weg erhalten.

«Die Portugiesen lieben die Natur, aber sie wollen nichts für sie tun», hat mir Paula Noronha vom Naturpark Formosa gesagt. «Aber es ist in den letzten Jahren viel passiert. Die Abwässer der Orte am Meer werden nun alle geklärt, Abfall wird getrennt, für gewisse Neubauten werden Solarelemente vorgeschrieben. Immerhin.»

Und jetzt dieser Weg, der Touristen zeigen soll, wie man hier lebt, der Naturdenkmäler und bauliches Erbe der Algarve in ein neues Licht rückt und erst noch ein wenig Arbeit ins Hinterland bringen soll. In ein Hinterland mit Bergen, Flüssen, Schäfern, Bauern, das über weite Strecken wirkt wie ein riesiges Tessin der Sechzigerjahre.

Im Dorf Balurcos, beim Endpunkt der ersten Etappe, ist es ganz still. Ein Auto wirbelt eine Staubwolke auf, und das ist hier eine Sensation. Bald wird noch mehr geschehen.

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