Die Haft ermöglichte ihm den Ausstieg aus der Sucht

Michel Sutter war alkohol- und drogensüchtig und ein Einbrecher. Heute blickt er zurück – und sagt, warum er dankbar ist für die sieben Monate in Haft.

Mit 20 experimentierte er mit allem Möglichen: Michel Sutter.

Mit 20 experimentierte er mit allem Möglichen: Michel Sutter.

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Homer Simpson hat gesagt, Alkohol sei die Lösung und die Ursache aller Probleme. So war es auch bei mir. Schon mit 14 trank ich Alkohol so regelmässig, wie Gleichaltrige ihre Pickel kontrollieren. Von aussen gesehen, schien es keinen Grund zu geben, warum sich ein junger Mensch so zurichtet. Ich wuchs in einer gut situierten Familie auf. Wer aber meine Eltern kannte, wunderte sich nicht. Sie waren mit Sucht und seelischen Problemen belastet.

Nach der Rekrutenschule wurde ich endgültig zum Alkoholiker. Mit 20 begann ich eine Stelle als kaufmännischer Angestellter bei der ABB, wo ich Marc kennen lernte. Alles davor war eine Kindergartenparty im Vergleich zu der Welt, die ich nun betrat. Er kam gerade vom Heroinentzug. Versuchte, wieder Fuss zu fassen. Derweil experimentierte ich mit allem Möglichen – LSD, Kokain, MDMA, was gerade so auflag. Ich war 21, als mein Vater sich das Leben nahm. Wieder schienen die Drogen eine Lösung. Bis 24 lebte ich ganz gut mit den Süchten. Ich arbeitete tagsüber und konsumierte nachts. Alkohol, Nikotin, Drogen. Die ganze Palette.

Gerade als ich mir überlegte, Heroin in meinen Menüplan aufzunehmen, starb Marc an einer Überdosis. Diese Erfahrung bremste mich derart, dass ich mich selbst einwies. Nach dreieinhalb Monaten wechselte ich in die Klinik Hasel in Gontenschwil. Dort werde man fertiggemacht, hiess es. Genau das, was ich brauchte. Ich sah viele starke Männer weinend zusammenbrechen. 40 Wochen war ich da, 40 Wochen Abstinenz. Danach fand ich eine Stelle als KV-Mitarbeiter bei einer Bank, nahm 45 Kilo ab und begann mit Sport.

Ich startete den Tag mit Alkohol, konsumierte Kokain während der Mittagspause und feierte die Nächte durch.

Das ging gut bis 28. Da zog meine damalige Freundin aus, und ich begann wieder zu trinken. Die Therapien hatten oberflächlich gewirkt, die blinden Flecken aber blieben. Ich startete den Tag mit Alkohol, konsumierte Kokain während der Mittagspause und feierte die Nächte durch. 2005 kündigte ich meine Stelle, obwohl ich gefördert wurde. Als sich meine Freundin endgültig von mir trennte, brach ich zusammen. Zwei Jahre finanzierte ich den Alkohol und Kokain mit den 200 Franken Taggeld, die mir die Versicherung monatlich überwies. Als ich kein Geld mehr hatte, stellte ich auf Kochwein um.

Von da an hangelte ich mich von einem Entzug zum nächsten, sass in Untersuchungshaft, wohnte in Kliniken, WGs, Wäldern und konsumierte weiter. In einem Wohnheim für Ex-Häftlinge traf ich einen, der 600 Einbrüche hinter sich hatte. Dessen Wissen und die Einbrüche, die ich daraufhin beging, ermöglichten mir ein Jahr finanziell sorgenfreies Konsumieren. Ich stieg in Büros ein und bediente mich an Laptops und anderen Geräten.

Die Justiz half mir am Ende mehr aus dem Schlamm als alle sozialen Institutionen.

Irgendwann war ich dieses Lebens überdrüssig. Eines Nachts lieferte ich mich selber an die Polizisten aus, die in der Nähe meines Raubzugs Wache hielten. Sieben Monate verbrachte ich in U-Haft: 23 Stunden in der Einzelzelle, eine Stunde «Auslauf» auf dem Hof. Dann drei Monate in einer Entzugsklinik. Damals begriff ich, dass die Justiz mir am Ende mehr aus dem Schlamm half als alle sozialen Institutionen. Durch meine Staatsanwältin und den richterlichen Beschluss nach meiner Haftzeit war ich gefordert, wieder Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, meine Schulden abzuzahlen.

Das funktionierte bei mir besser als alle Reintegrationsprogramme. Wieder landete ich im Hasel, das mir diesmal wie ein Ferienlager vorkam. Ich besuchte Mal- und PC-Kurse und trieb Sport. Danach fand ich endlich einen Therapeuten, der nicht bloss in meiner traurigen Vergangenheit herumwühlte, sondern mir wertvolle Werkzeuge gab, mit denen ich meine Sucht kontrollieren konnte. 2011 zog ich in eine Genossenschaftswohnung, arbeitete erst auf dem Sekretariat eines Beratungsbüros, dann beim Kanton im Bereich Administration und IT und gründete den Youtubekanal Suchtfreiheit. Seither bin ich sauber, und mein Leben ist wieder auf Kurs.

Erstellt: 16.03.2019, 18:42 Uhr

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