Diese Familie verbringt die Ferien lieber bei Nomaden als am Strand

Hühnerköpfe und Gebirge statt Pizza und Meer – die Bündner Familie Zwahlen reist regelmässig in ihre zweite Heimat: das Himalaja-Gebiet.

Auf Reisen in Osttibet: Martina und Thomas Zwahlen mit ihren Kindern Larina, Flurin und Gian-Andri (v.l.). Foto: Thomas Zwahlen

Auf Reisen in Osttibet: Martina und Thomas Zwahlen mit ihren Kindern Larina, Flurin und Gian-Andri (v.l.). Foto: Thomas Zwahlen

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Aus dem Topf in der Mitte der Runde dampft ein warmes Gericht. Den Gästen läuft das Wasser im Mund zusammen. Endlich dürfen sie essen und sich stärken. Doch als sie genau hinschauen, vergeht ihnen der Appetit. Vor sich sehen sie: gebratene Entenfüsse.

Während andere Familien ihre Sommerferien in Italien oder Spanien am Strand verbringen, im Meer planschen und abends Pizza oder Paella geniessen, suchen die Zwahlens aus dem bündnerischen Parpan stets das Abenteuer – und finden manchmal exotische Spezialitäten. Thomas, 47, und Martina Zwahlen, 46, sind Himalaja-Experten und seit über zwanzig Jahren regelmässig in asiatischen Bergregionen wie Ladakh in Indien, Bhutan, Nepal oder Tibet unterwegs. Dort erkunden sie touristisch kaum berührte Orte. In verschiedenen Diavorträgen haben sie das höchste Gebirge mit dem Mount Everest ihrem Publikum nähergebracht und 2008 ihr Unternehmen Himalaja Tours gegründet, damit sie ihre Erfahrungen mit anderen teilen können. Wann immer möglich packen sie auch privat ihre Rucksäcke und Zelte und entdecken mit ihren drei Kindern Gian-Andri, 12, Larina, 9, sowie Flurin, 6, Länder und Kulturen. Für diesen November haben sie geplant, erneut Bhutan zu besuchen.

Reisefreudige Familie: Ihre Touren führten die Zwahlens nach Indien, Tibet, Bhutan und Nepal im Himalaja-Gebiet.

Ihre letzte Reise führte die fünf 2017 sechs Wochen lang zu den historischen Provinzen Amdo und Kham im Osten Tibets, wo Entenfüsse eine Delikatesse sind. «Auch Schweinsohren, Hühnerkrallen und -köpfe kochen die Leute dort», erzählt Larina und schüttelt sich beim Gedanken daran. Sie sitzt mit ihren Eltern und den Brüdern in der Stube der Wohnung in Parpan und knabbert ladakhische Dörraprikosen. «Zum Glück konnten wir auf das eklige Zeug verzichten, denn es gab auch Reis und Nudeln», ergänzt Gian-Andri.

Als Kleinkind lebte er mit seinen Eltern fast zwei Jahre in Ladakh bei den Nomaden, die mit ihren Rinder- und Schafherden durch die Lande ziehen. Manchmal krabbelte er aus dem Zelt und kam erst Stunden später zurück, weil ihn die Einheimischen mit sich herumtrugen und mit allem Möglichen fütterten. «Ich bin abgehärtet», sagt er und grinst.

Zeremonie für ihre lokalen Berggottheiten: Der einjährige Gian-Andri mit den Nomaden in Kharnak. Foto: Thomas Zwahlen

Heikel ist keines der Zwahlen-Kinder. Sie schlürfen Schwarztee mit Salz und ranziger Butter oder verspeisen Yakfleisch und Tsampa, geröstetes Gerstenmehl. Sie sind sich einiges gewohnt. Denn von klein auf nahmen ihre Eltern sie mit auf ihre Reisen. Thomas und Martina Zwahlen haben insgesamt über sieben Jahre im Himalaja verbracht und sprechen gar Ladakhi, einen tibetischen Dialekt. «Wir haben Freunde und eine zweite Heimat gefunden», sagt Martina Zwahlen. Ihr Mann, der als Reiseveranstalter und Fotograf arbeitet, fügt an: «Uns fasziniert das einfache Leben dort, die Kultur, die buddhistische Religion.» Die Nomaden seien gelassen, da sie auf ihr Karma vertrauten. Widerfahre ihnen etwas Schlechtes, gingen sie davon aus, dass sie es mit ihrem Verhalten selbst verschuldet hätten. «Und sie glauben an ein nächstes Leben, in dem sie alles wieder gutmachen können.»

Das erste Mal reiste das Paar 1998 gemeinsam nach Asien. Die beiden kauften Tickets nach Delhi in Indien, aber keine zurück. Von dort aus fuhren sie nach Ladakh, wo sie anderthalb Jahre schroffes Gebirge erklommen, an klaren Seen und Flüssen rasteten oder das Lamayuru-Kloster besichtigten. Der weisse Tempel mit seinen vier Eckgebäuden auf dem Felsen war denn auch einer der Höhepunkte der Reise. «Ich erblickte ihn von oben herab nach einem längeren Fussmarsch und fühlte mich, als wäre ich angekommen», erzählt sie. Auch er, der als Kind die Geschichten des österreichischen Bergsteigers und Autors Heinrich Harrer regelrecht verschlungen hatte, war begeistert. Harrers berühmtes Buch «Sieben Jahre in Tibet» von 1952 hatte ihn dazu inspiriert, die Himalaja-Region zu erforschen. «Und genau so hatte ich mir diese Bergwelt immer vorgestellt mit den Mönchen, den Gebetsfahnen und den grossen Tierherden.»

Zu Fuss und mit Pferden: Die Familie umrundete den Berg Amnye Machen. Foto: Thomas Zwahlen

In Ladakh war das Paar lange Zeit mit einem Esel unterwegs. Inzwischen reiten die Kinder bei Trekkingtouren auf Pferden, während die Eltern wandern. Auch der damals vierjährige Flurin durfte 2017 im Osttibet alleine auf einem Ross sitzen. «Wir schritten sogar durch einen Bach», sagt er mit erhobenem Kopf. «An Land hat das Ross immer den seltenen blauen Mohn gegessen, den Mami fotografieren wollte.»

Erzählen die Kinder von ihren Abenteuern, sprudeln die Worte nur so aus ihnen heraus. Sie berichten von Katzengold, das sie gefunden haben – dreissig Kilo Steine durften sie mit nach Hause nehmen und zeigen ihren Schatz jedem, der ihn sehen will. Oder davon, wie sie in der Badain-Jaran-Wüste in der westlichen Inneren Mongolei der Volksrepublik China mit den welthöchsten Sanddünen umkehren mussten, weil die Hitze zu gross war. Davon, wie sie eine Magen-Darm-Grippe überstanden oder Läuse und Flöhe loswerden mussten. «Unsere Kinder jammern so gut wie nie», sagt Martina Zwahlen. «Ausser, sie haben Hunger und sind müde.»

Er verbrachte einen Teil seiner ersten Lebensjahre in Ladakh: Gian-Andri umringt von Mönchsnovizen im Kloster Ridzong. Foto: Thomas Zwahlen

Geschlafen haben die fünf in einem Zelt, alleine oder bei Nomaden, die sie antrafen. «Diese Begegnungen waren immer schön, aber manchmal auch anstrengend», sagt Gian-Andri. Dass die Einheimischen ihn und seine Geschwister ständig fotografierten, ging ihm auf die Nerven. Doch die blonden Kinder mit der hellen Haut fielen auf. «Sie nennen uns Go-Ser», sagt Thomas Zwahlen. «Gelbköpfe.» Einmal waren die Zwahlens an einem Fest, wo Männer ihre Kräfte bei einem Wettkampf massen, indem sie Getreidesäcke über ihre Köpfe stemmten. «Der Final musste unterbrochen werden», erzählt Gian-Andri, «weil uns alle anschauen wollten.»

Die Familie war überall gern gesehen, was ihnen die Einheimischen mit ihrer Gastfreundschaft immer wieder bewiesen. «Die Nomaden haben nicht viel. Aber das wenige, was sie besitzen, teilen sie», sagt Thomas Zwahlen. Diese Mentalität beeindruckt ihn seit seinem ersten Aufenthalt im Himalaja. Auch wenn sich die Zwahlens oft bloss mit Händen und Füssen verständigen konnten, weil etwa im chinesischen Osttibet kein Ladakhi und wenig Englisch gesprochen wird, fanden sie den Draht zu den Einheimischen rasch. «Die Menschen, die in den Bergen leben – egal ob hier in der Schweiz oder im Himalaja –, sind sich ähnlich. Zuerst etwas misstrauisch, aber bald offen und herzlich», sagt Zwahlen und zwinkert.

Zuhause im Bündnerland: Martina und Thomas Zwahlen mit Larina, Flurin und Gian-Andri (v.l.). Foto: Nicola Pitaro

Die Kinder freuen sich auf ihr nächstes Abenteuer in Bhutan. Trotzdem sind sie sich einig: Irgendwann wäre es schön, einfach mal an einem Strand zu liegen. «So, wie es unsere Schulkameraden im Sommer jeweils machen», sagt Gian-Andri. Und seine Schwester Larina fügt an: «In Thailand zum Beispiel. Oder sogar in Italien.»

Erstellt: 12.07.2019, 20:56 Uhr

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