Ein endloser Albtraum auf dem Hörnli

Die Strapazen der ersten zwei Etappen zeigen ihre Wirkung. Albträume suchen die Läuferin heim und legen die Ängste an den Tag.

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Nur noch wenige Schritte. Das Ziel auf dem Gipfel des Hörnli ob Steg im Tösstal ist in Sichtweite. Fünf Kilometer, nahezu 430 Höhenmeter und damit die dritte Etappe des 5-Tage-Berglauf-Cups liegen hinter mir. Ich rutsche in einer Schlammpfütze aus, meine müden Beine versagen ihren Dienst. Ich falle, schlage meine Knie auf. Die Läufer, an denen ich eben noch vorbeizog, laufen an mir vorbei ins Ziel.

Mühsam rapple ich mich auf, rutsche, falle wieder hin. Auf allen Vieren blicke ich hoch – nur noch wenige Meter. Ich mobilisiere meine letzten Energiereserven, raffe mich ein letztes Mal auf. Komme hoch, rutsche mit dem nächsten Schritt wieder in der Pfütze aus – vorbei. Wenn eine Glocke einen Boxer K. o. schimpft, tut dies bei mir ein nervtötendes Pfeifen. Es gibt mir den Rest.

Wie ein geschlagener Hund

Ich bin schweissgebadet – knie aber nicht wenige Meter vor dem Ziel im Schlamm, sondern liege zu Hause in meinem Bett. An kaum einem Morgen klang das Läuten meines Weckers so süss, wie am Morgen der dritten Etappe. Gerädert schäle ich mich aus der warmen Decke. Meine kalten Muskeln drohen mit Streik. Das Bild des Ziels und dieser Schlammpfütze hat sich in meinem Hirn eingebrannt. Wie ein geschlagener Hund schleppe ich mich in den Tag. Heute gilt es mentale Stärke zu beweisen.

Nicht der Lauf ins Ziel, sondern der Gang an den Start ist meine Herausforderung. Der Chip für die Zeitmessung wiegt schwer an meinem Knöchel. «Ah, du bist die Pia von der Zeitung», empfängt mich eine durchtrainierte Läuferin. Ertappt. Kneifen ist nicht mehr drin. Die Masse 5,1 Kilometer und 435 Höhenmeter der dritten Etappe sind längst nicht die einschüchterndsten in meinem fünftägigen Qualprogramm – vor dem Start scheint mir das Hörnli aber unüberwindbar zu sein. Und das alles nur wegen dieser Traumpfütze.

Ich wünschte, ich wäre weit weg

Es geht los, und je näher das Ziel kommt, desto weiter weg wünsche ich mich selbst. Die letzten 100 Meter erinnern mich an die Eigernordwand. Keine Chance, einen Blick auf das Ziel zu erhaschen – hat es dort oben tatsächlich eine Wasserpfütze? Das Wort Waterloo erhält in diesen Sekunden eine ganz neue Bedeutung... Ein Junge zieht an mir vorbei – bewundernd schaue ich ihm nach, ziehe innerlich den Hut, laufe und vergesse. Doch im Ziel komme ich nicht umhin, einen Blick zurück zu werfen – der Boden ist trocken.

Fortsetzung und vierte Etappe morgen…

Erstellt: 19.08.2010, 11:12 Uhr

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