Mit AC/DC und Abba gegen den inneren Schweinehund

Marathon-Novizin Pia Wertheimer berichtet für Tagesanzeiger.ch/Newsnet über ihre Vorbereitung auf den Lauf in New York. Folge sieben: Wenn der Wille den Körper übertönt.

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Wir hören täglich die verschiedensten Melodien, lassen uns von Rhythmen durch den Abend peitschen. Wir haben aber verlernt unserem Körper zuzuhören. Für einen Marathon ist genau dies unerlässlich.

Murphys Fallen haben mich im Training einige Wochen zurückgeworfen. Seither bin ich den verlorenen Stunden, Minuten, Sekunden auf den Fersen und versuche stur sie wieder einzuholen. Schnulzdiva Whitney Houston fand die richtigen Worte dafür – «One Moment in Time – I'm racing with destiny». Eisern halte ich mich an die geplanten Trainingseinheiten, ganz egal wie gnadenlos der Redaktionsalltag gerade an meinen Ressourcen nagt, ganz egal wie spät ich mit meiner Freundin noch an der Strippe hänge.

Der Körper wird zum Bergarbeiter

An freien Tagen muss eine zusätzliche Lauf- oder Blade-Stunde ins Programm. Hartnäckig fordere ich meinen Körper. «Il faut de la perséverance», rappen dabei die Backgroundsänger der französischen Sängerin Lââm in meinen Ohren. Ich leg die Endlosschleife ein, sie lassen nicht locker – ich auch nicht. Immer wieder bin ich bedacht, die leeren Vitamin-, Kohlenhydrat- und Eisenspeicher wieder aufzufüllen, schliesslich zapfe ich meinen Energietank täglich an und pumpe ihn nahezu leer.

Meine Freitage haben seit meiner Genesung einen ganz bestimmten Zweck: Ich packe sie voll, um mir für meine Arbeitstage Zeit fürs Training freizuschaufeln. Mein Körper wird zum Bergarbeiter – genährt, um zu schuften – und er macht mit Lee Dorseys Ohrwurm «Working in a coalmine» gute Miene zum bösen Spiel: Meine Strapazen tragen langsam Früchte. Bei gleichem Puls lege ich meine Hausstrecke inzwischen an die zehn Minuten schneller zurück.

Dynamit oder S.O.S.

«Gimme, gimme, gimme», summe ich zufrieden bei meiner Rückkehr. Eine lockerleichte Melodie mischt sich in die Abba-Hymne. Gitarrenriffs der Eagles unterbrechen den aufpeitschenden Rhythmus: «Take it easy, take it easy», warnt es aus meinem Innern. Ich ignoriere diese Bitte um Erholung, schliesslich kriegt mein Körper auf den Teller, was er braucht, um im gleichen Takt weiter zu fahren. «T.N.T. – I’m dynamite!» halte ich dagegen.

Und diesmal ist es dieser unkontrollierbare iPod in meinem Innern, welcher die schwedische Gruppe ins Feld führt: «Can’t you hear me – S.O.S!» Doch der gnadenlose AC/DC-Klassiker zerreisst die verzweifelten Klavierakkorde in der Luft. «I’m dynamite!» Die Rocklegenden geben mir den Takt vor. Ungebremst stürme ich im Alltag weiter. Und während mein Wille auf Hochtouren läuft, quäle ich mich morgens kaum erholt aus dem Bett.

Wenn die Lust und die Kraft verschwinden

Meine Ungeduld mit mir selbst wächst, was meine Freunde zu spüren kriegen. Ein schleppender Bass macht sich hörbar – «Stone, le monde et stone», lamentiert der Kanadier Garou aus meinem Innern. Der Kampfgeist meines Körpers bleibt auf der Strecke. «J’ai plus envie de me battre – j’ai plus envie de courir», ächzt er mit letzter Kraft – und verstummt.

Die deutsche Lauflegende Thomas Wessinghage kennt diese Symptome: «Ich habe Übertraining einmal erlebt.» Es sollte das letzte Jahr des Langstreckenläufers und der Anfang eines erfolgreichen Arztes werden. Sein Abschluss und das Examen der Facharztausbildung standen vor der Tür: «Ich wollte noch einmal Höchstleistungen erbringen und kopierte das Training früherer Jahre.» Er machte die Rechnung ohne seinen Körper. «Ich fühlte mich schlecht», erinnert sich der Leichtathlet des Jahres von 1981. «Es zeigte sich, dass die sportlichen Ambitionen, die tägliche Routinearbeit im Krankenhaus und die Vorbereitungen aufs Examen zu viel des Guten waren.»

Die Pause im richtigen Moment

Übertraining sei einerseits eine körperliche Überforderung, andererseits habe es wohl auch mit dem Zeitgeist zu tun: «Oft wollen wir alles und zwar gleich sofort.» Der Körper macht in aller Regel deutlich, wann genug ist: Leistungsabfall, verminderte Belastbarkeit, ungewöhnlich schnelle Ermüdung, emotionale Instabilität, erhöhte Verletzungs- und Infektanfälligkeit, ausbleibende Blutung bei Frauen oder Gewichtsabnahme sind mögliche Symptome eines Übertrainings.

Dieses ist bei anderen auf den ersten Blick schwer zu erkennen, räumt der Arzt ein. «Darum gehört Selbstkritik beim Training dazu. Kann ich mir nicht eingestehen, dass ich es übertreibe, drohe ein Burnout.» So sollten im Trainingsplan unbedingt auch berufliche oder emotionale Belastungen dokumentiert sein. «Gehen Sie mal ohne Musik laufen – lernen Sie auf Ihren Körper zu hören.» Er hat recht: Ich hatte weder «Take it easy» noch «S.O.S.» hören wollen und jetzt ist mein Akku leer. Dabei reiche es nicht die physischen Batterien auf zu laden und die Kohlenhydratspeicher wieder auffüllen. Zur Regeneration gehöre auch genügend Schlaf und mentale Entspannung – mal gar nichts tun.

Ich wage einen Versuch: Die Sonne geht unter, Ruhe umhüllt die Welt. Ich gebe mir einen Ruck und lasse die Laufschuhe vor der Türe stehen, setze mich auf den Balkon. Zaghaft lässt mein innerer iPod ein Saxophon erklingen... Ein Satz, mehr gesprochen als gesungen: «Ich nimme no en Campari Soda...» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.07.2010, 20:55 Uhr

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