Authentisch

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Man müsse «authentisch sein und handeln» lese und höre ich öfter. Was nützen und bezwecken Ratschläge dieser Art? Aus welcher Ecke stammen solche Aussagen? P. G.

Lieber Herr G. Aus vielen Ecken: Politiker sollen und wollen «glaubwürdig» sein; in Kursen kann man lernen, seine «wahren Gefühle» zunächst zu entdecken und anschliessend zu ihnen zu stehen; und Unternehmensberater sondern zum Stichwort «Authentizität» Weisheiten ab wie diese: «Menschen wissen in ihrem Herzen (dem wahren Ort des Lebens) genau um ihre Wahrheit. Dort sind sie immer ‹sie selbst›, egal, wie sehr sie sich ‹nach aussen› verstellen und ihnen dieses ‹Aussen› den Weg nach innen schon verstellt haben mag.» (Volker Viehoff ) Die Bühne des Authentischen wird bevölkert von unzähligen Knatterchargen säuselnder Gefühlsechtheit und Schmierenkomödianten aus dem Charakterfach der Glaubwürdigkeitsdarstellung.

Sie sehen, über das Goldene Kalb der Authentizität lässt sich leicht spotten: Über die naive Entgegensetzung von Sein und Schein z. B. und über die ebenso naive Innen-aussen-Metaphysik, auf der sie beruht. Der populärphilosophische Klospruch «To do is to be (Sokrates). To be is to do (Sartre). Do be do be do (Frank Sinatra)» bringt die Kritik in bestechender Anschaulichkeit auf den Punkt: «Sein» und «Handeln» bilden ein untrennbares Amalgam, das sich nicht aufspalten lässt in eine (vorgängige und innere) Wahrheit des Seins und ein Handeln, das diese Wahrheit entweder (authentisch!) verkündet oder aber (nicht authentisch!) verleugnet.

Und trotzdem erscheint diese Kritik auch etwas sehr altklug. So einfach lässt sich das Problem der Authentizität nun doch nicht erledigen. Denn auch wenn wir «unsere Wahrheit» nicht wie eine unabänderliche Offenbarung in unserem Herzen vorfinden, als einen Wesenskern, den wir nunmehr nur noch wahrheitsgemäss in unser Handeln umzusetzen haben, so lässt sich doch nicht leugnen, dass wir nicht einfach Schauspieler sind, die prinzipiell jede Rolle übernehmen können und dabei jeweils auch genau das werden, was wir gerade spielen. Auch wenn absolute Authentizität eine Chimäre ist, der hinterherzurennen sich nicht lohnt, so ist Authentizität als regulatives Prinzip geradezu unentbehrlich: Uns können Rollen aufgedrängt werden, die nicht zu uns passen, bei denen wir uns mehr verbiegen müssen, als es gut für einen Menschen sein kann. Auch wenn es keine Lebenswahrheit gibt, so gibt es doch so etwas wie eine «Lebenslüge»: Ein «unechtes» Leben macht einen unglücklich, weil es so ganz und gar nicht dem entspricht, was und wie man nun einmal geworden ist.

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Erstellt: 01.09.2010, 10:16 Uhr

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