Warum dankt einem der Arzt eigentlich nicht fürs Kommen?

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Was ich auch immer im Laden kaufe: An der Kasse bekomme ich ein Dankeschön für den Einkauf. Dasselbe bei Dienstleistungen – etwa im Reisebüro oder beim Schuhmacher. Oder bei der Bezahlung im Restaurant. Doch eigenartigerweise passiert das nie, wenn ich Ärzten, Therapeuten und dergleichen Adieu sage, obwohl ich ja etwas zu ihrem Lohn beitrage. Wie erklären Sie sich das? A.L.

Lieber Herr L. Der eine Grund dafür scheint mir ziemlich trivial. In einem Laden oder einem Restaurant heisst das «Danke» etwa so viel wie «Schön, dass Sie da waren; wenn es Ihnen gefallen hat, dann beehren Sie mich doch bald wieder». In diesem Sinne kann ein Chirurg, der einem das Knie operiert hat, oder ein Psychotherapeut, der einen wegen Depressionen behandelt, sich schlecht bei seinem Patienten bedanken. Es würde eher frivol als wirklich dankbar klingen. Zwar wird Patienten – insbesondere in Privatspitälern – heute mehr denn je der Eindruck vermittelt, dass sie «Kunden» seien; doch kann der ganze Der-Kundeist-König-Schnickschnack kaum darüber hinwegtäuschen, dass der umworbene Kunde zunächst einmal ein Leidender (eben: Patient) ist.

Der andere Grund ist ebenso trivial, aber es wird viel dafür aufgewendet, ihn nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. Denn das Faktum, dass ein Therapeut zahlende Patienten nötig hat, um von seinem Beruf leben zu können, wird gerne verschleiert. Diese Tatsache drückt sich allein in den giftigen Futterneid-Debatten aus, die dann «Berufspolitik» heissen. Aber auch hier wird die eigene Angewiesenheit aufs liebe Geld vor allem hinter Berechnungen versteckt, wie jeder ins therapeutische Kleingewerbe fliessende Franken der Gesellschaft als Ganzes mindestens fünf Franken spart. Wer also hat da dankbar zu sein? Immer und vor allem die anderen! Ungeachtet von Freuds Hinweis, dass die Heuchelei beim Sex nur noch von der beim Geld übertroffen werde, tun auch viele Psychoanalytiker so, als übten sie ihren Beruf nur aus zweierlei Gründen aus: einerseits wegen des unbändigen Wunsches, anderen Menschen zu helfen, und anderseits, weil die Verwaltung ihrer Latifundien sie allein nicht ausfüllen würde. Voyeurismus und Sexualneugier als Motivation psychoanalytischer Berufsausübung sind okay; der Wunsch, mit seinem wissenden Schweigen und dem dosierten Reden Geld zu verdienen, kommt allenfalls unter «ferner liefen»; zahlen soll der Patient vor allem, weil Geld eine «wichtige symbolische Bedeutung» hat.

An dieser Stelle möchte ich darum noch einmal allen gewesenen und künftigen Patienten herzlich und unsymbolisch für ihre finanziellen Bemühungen zu meinen Gunsten danken. (Sie hätten wahrscheinlich auch Besseres oder – schlimmer noch – Dümmeres mit dem Geld anstellen können: zum Beispiel es der Konkurrenz zukommen lassen.) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2011, 11:00 Uhr

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