Warum zählt heute Quote mehr als Qualität?

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Schaut man sich die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten an, fällt auf, dass grosses Echo oft als Erfolg (miss-)interpretiert wird. Es zählt, wie viele Reaktionen eine These auslöst (in Internetforen, als Leserbriefe etc.) jedenfalls mehr als die Qualität der Aussage selbst. Wie ist das zu erklären? K. H.

Liebe Frau H. Durch die Tatsache, dass Medien (und die mit ihnen verbandelten Akteure wie Politiker, Interessenverteter, Experten) möglichst viel Aufmerksamkeit möglichst günstig produzieren müssen. Am allergünstigsten geht das so: Man behauptet irgendeinen knalligen Haberkäse oder berichtet von einem, der irgendeinen als «Tabubruch» aufgemotzten Schwachsinn verkündet, wartet auf die aufgeregten Reaktionen, welche man nunmehr ausführlich zitiert und kommentiert und als Beweis dafür ausgibt, ein schwelendes Unbehagen in der Bevölkerung endlich zum Thema gemacht zu haben. Dazu gibt es eine Onlineabstimmung oder ein schnell am Telefon zusammengeschustertes Experteninterview.

Wenn es gut geht, ergibt sich daraus sogar eine «Kampagne» oder eine Standesinitiative. Man darf sich hinter all dem keine bewusste Planung vorstellen, keinen Masterplan der Volksverdummung. Denn so abgebrüht sind selbst die abgebrühtesten Boulevardgurgeln unter den Beteiligten nicht, dass es ihnen gelingt, ein abgeklärt-zynisches (aber insofern immerhin ehrliches) Verhältnis zu den billig zusammengeschusterten Debatten zu entwickeln.

Folglich müssen sie selber den Mist glauben, den sie verzapfen, die von ihnen produzierten Aufregungsblasen für massive Probleme halten und allfällige Kritik an all dem als elitäres unzeitgemässes Gemäkel abtun von Leuten, die den wahren Sorgen des Volkes entfremdet sind. Aus der Not, leere Seiten und Sendeminuten billig füllen zu müssen, wird so die Tugend des gesellschaftspolitischen Hyperventilierens. Doch ob aus dieser leider nicht mehr ganz seltenenen Form der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung ein auf die Dauer brauchbares (neudeutsch: nachhaltiges) Geschäftsmodell werden kann, bezweifle ich. (Optimist, der ich nun einmal

Es gleicht dann doch zu sehr dem eines Bordells, das bloss deshalb so günstig ist, weil es lediglich eine Wichsvorlage und eine Packung Kleenex zur Verfügung stellt und den Rest der Erregung grosszügig dem Kunden selber überlässt.

Selbst der Dümmste merkt (hoffentlich) mit der Zeit die Absicht und ist verstimmt. So geil ist Geiz dann doch nicht.

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 23.06.2010, 15:26 Uhr

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