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Burn-out II

In der letzten Kolumne hatte ich über die Diagnose «Burn-out» geschrieben, dass es erstaunlich sei, wie sie sich in den letzten drei Jahrzehnten habe etablieren und stabilisieren können, ohne dass es eine ähnlich konsistente Therapie wie beim Aufmerksamkeits-DefizitSyndrom (ADS) gebe. Kann man Ritalin ablehnen und gleichzeitig das Konzept ADS anerkennen? Es gibt solche Versuche, aber sie scheinen wenig erfolgreich. Nur zusammen haben ADS und Ritalin sich erfolgreich etablieren können: Die Therapie verfestigt das klinische Bild und umgekehrt. Das ist beim Burnout anders. Zeitweises Nichtstun ist nicht die Art von Therapie, von welcher man sagen würde: Wenn X bei Z, dann leidet Z gewiss an Y. Dass Burn-out dennoch so erfolgreich wurde, spricht dafür, dass die in diesem Krankheitskonzept zusammengefassten Symptome ein Leiden beschreiben, in dem viele Menschen nicht nur ihre individuellen Symptome erkennen, sondern sich nicht zuletzt schon durch die Diagnose erleichtert fühlen. Burn-out-Betroffene bilden eine Form dessen, was der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking eine «Menschenart» nennt. Eine Menschenart wird durch eine Klassifizierung gebildet, welche ihrerseits die Weise verändert, in der ein solcherart Klassifizierter sich selber interpretiert und zu seiner Umwelt verhält. Die Realität von Menschenarten unterliegt historischen Veränderungen. Ein homosexueller Berliner des Jahres 1950 ist nicht von derselben Menschenart wir ein 80erJahre-Gay aus San Francisco. (In den 50er-Jahren hielt man Homosexuelle für krank, kriminell, aber unheilbar; heute gilt die Therapie von Schwulen als abartig und der Homosexuelle als gesund.)

Auch der ADS-Kranke bildet eine Menschenart. Betroffene sagen von sich: Seit ich weiss, dass ich ADS habe, verstehe ich erst wirklich, warum mein Leben bis jetzt so verlaufen ist. Und seit ich Ritalin nehme, bin ich ein anderer Mensch geworden. Ein Exemplar der Burn-outMenschenart könnte sagen: Seit ich weiss, dass ich an einem Burn-out leide, weiss ich, dass ich nicht depressiv bin, auch wenn ich mich oft so fühle. Es nützt mir nichts, wenn ich ein Antidepressivum schlucke. Ich muss unbedingt öfter Nein sagen, mir mehr Zeit für mich nehmen. Das Konzept Burn-out wird darum oft im Zusammenhang mit einer bestimmten Form Gesellschaftskritik formuliert – so wie Ende des 19. Jahrhunderts die Diagnose «Nervosität». Nicht, dass dies im Zusammenhang mit ADHS nicht auch geschieht; aber die einfache Medikation ist ein gutes Argument dagegen, dass es keine Heilung ohne grundlegende Änderung der Gesellschaft gibt.

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