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Burn-out nur eingebildet?

Auf dem ganzen «Ich suche meine Identität»-Karussell sind immer wieder Phänomene en vogue, bei denen man den Verdacht nie loswird, dass sie ein bisschen eingebildet sind. Können Sie epidemische Volks- und Selbstinszenierungskrankheiten wie Burn-out überhaupt noch ernst nehmen? T. N.

Wenn man als Psychoanalytiker Schwierigkeiten mit dem Burn-out hat, dann primär nicht deshalb, weil diese Krankheit eingebildet, im Sinne von «nicht real» wäre. «Einbildungen» im weitesten Sinne sind ja eigentlich das tägliche Brot der Psychoanalyse. Freud erfand die Psychoanalyse an einer Krankheit, die sowohl eingebildet als auch real war: der Hysterie. Die Symptome der Hysterie waren reale Effekte einer unbewusst wirkenden Einbildungskraft. Was das Konzept Burn-out für die Psychoanalyse hingegen tatsächlich schwer zugänglich macht, ist, dass es sich nicht in deren traditionelles Konfliktmodell der Neurose fügt.

Burn-out ist vorderhand eine Form reaktiver Erschöpfung und nicht ein Symptom widerstreitender psychischer Strebungen. Ein psychoanalytisches Modell von Burn-out müsste sich also den Untersuchungsgegenstand erst passend machen, indem es zum Beispiel – ich erfinde jetzt eine Strategie – die Erkrankung als Folge des Konflikts zwischen Versorgungswünschen und einem jegliche Passivität verdammenden Ich-Ideal beschreibt. Aber bleiben wir bei der Frage nach der «Realität» des Burn-outs. Man kann sie natürlich differenzialdiagnostisch in Frage stellen: Ist Burn-out in Wirklichkeit vielleicht bloss eine Erschöpfungsdepression? Eine depressive Anpassungsstörung? Die Leidenden selbst scheinen die Antwort vorzuziehen: Es ist ein Leiden ganz eigener Art. Sie fühlen sich nicht depressiv, sondern ausgebrannt. Für sie ist das ein relevanter Unterschied.

Das Bemerkenswerteste am Burn-out ist, dass sich dieses Krankheitskonzept in den letzten dreissig Jahren zunehmend verfestigen konnte, ohne dass mit ihm auch ein leidlich umrissenes Konzept von Therapie einherginge. Das ist z. B. beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) ganz anders. Dort gehen Diagnose und Therapie (Ritalin) gleichsam Hand in Hand und stabilisieren sich wechselseitig. Warum das mit dem Burn-out möglicherweise anders funktioniert und was es dennoch mit dem Aufmerksamkeitsdefizit auf sich hat, erfahren Sie in einer Woche – bleiben Sie dran!

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