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Die eigenen Organe einem anderen überlassen?

Soll man seine Innereien im Falle des Ablebens zur Verfügung stellen? Es gibt ja Skeptiker, die kategorisch dagegen sind, weil mit der Entnahme von Organen die Seele des Menschen zerstört werde. Was sagt der Psychoanalytiker dazu, und was kann er in diesem Zusammenhang mit dem Begriff «Seele» anfangen? M. L.

Lieber Herr L.

Die psychoanalytische Seele ist ein recht unätherisches und wenig feinstoffliches Ding. «Das Ich ist vor allem ein körperliches», heisst es bei Freud. Das bedeutet aber nicht, dass die Psyche, so wie sie die Psychoanalyse «präpariert», an ein Organ gebunden ist. Der «psychische Apparat» (Freud) ist weder identisch mit dem Gehirn, noch ist er im Herzen daheim. Gleichwohl ist er in einem bestimmten Sinn organisch, denn die Psyche als Wunschmaschine bildet sich nicht zuletzt mittels körperlicher Befriedigungserlebnisse. Die Körperlichkeit der Seele im psychoanalytischen Sinn ist natürlich kein Argument gegen die Transplantationsmedizin. Was mich allerdings wundert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der in den Debatten um die Organspende davon ausgegangen wird, dass z. B. der Wunsch, dass mein Körper mit mir sterbe, eine irrationale und verantwortungslose Weigerung sei, meine noch brauchbaren Organe der weitergehenden Nutzung zur Verfügung zu stellen. So, als werfe man etwas weg, das andere schliesslich noch gut gebrauchen könnten. Ich habe nichts gegen Organspenden; wohl aber gegen die Gedankenlosigkeit, mit der sie gleichsam zur letzten Bürgerpflicht erhoben wird. Aber eine Spende ist eben eine Spende und nicht eine Pflichtabgabe und auch kein Beitrag zum Wertstoff-Recycling.

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