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Ist Gesundheit eine moralische Grösse?

Man bekommt den Eindruck, dass heute Gesund und Ungesund eigentlich für Gut und Böse stehen. Was meinen Sie? S. S.

Der Eindruck täuscht nicht. Diese Moralisierung der Gesundheit ist allerdings Teil einer umfassenderen Tendenz: einer «Naturalisierung» unseres Selbstverständnisses. Kulturelle Phänomene werden auf ihre natürlichen Grundlagen hin untersucht: Warum stehen junge Frauen auf alte reiche Männer? Warum bekommen Stripperinnen an ihren fruchtbaren Tagen mehr Trinkgeld? Welche Bewegungen beim Tanzen machen Männer besonders attraktiv? Sind beim Beten möglicherweise dieselben Hirnregionen aktiv wie beim Betrachten des neuen iPad?

Auf diese Art von Fragen geben Soziobiologie und evolutionäre Psychologie in der Popularisierung ihrer Forschungsergebnisse Antworten. Genauer gesagt, eine einzige Antwort, nämlich die, dass selbst auf den ersten Blick bizarr anmutendes Verhalten stets seinen guten evolutionären Grund hat. Es erweist sich bei genauerer Betrachtung als «vollkommen natürlich». Damit sind wir gehalten, unsere überkommenen Moralvorstellungen im Lichte der Biologie neu zu überdenken. Gute Moralvorstellungen sind dann solche, die sich selber durch die Natur des Menschen rechtfertigen lassen; schlechte moralische Forderungen sind zum Beispiel solche, die vor 30 000 Jahren vielleicht noch biologisch sinnvoll waren, sich inzwischen aber überlebt haben oder aber von Institutionen wie der Kirche wider alle biologische Vernunft durchgesetzt worden sind.

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