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Schönheit und Schrecken der Berge

Warum empfinden wir die Berge – die Alpen zum Beispiel – eigentlich als schön? J. H.

Schönheit liegt bekanntlich allein im Auge des Betrachters. Und was die Berge betrifft, liegt sie dort keineswegs schon seit Anbeginn der menschlichen Geschichte. Der Weg «Von den schrecklichen zu den schönen und erhabenen Bergen» – so der Titel einer historischen Studie von Ruth und Dieter Groh – ist lang, steil und voller Windungen. Als sein Ausgangspunkt gilt gemeinhin die Besteigung des Mont Ventoux durch Petrarca 1336. In einem Brief an einen Freund nennt er als Motiv für seine aufwendige Kletterpartie «einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennen zu lernen». Auf dem Gipfel angekommen, schlägt er das Buch auf, das er immer und überall bei sich trägt – die «Bekenntnisse» des Augustinus. Und die Stelle, auf die er dabei zufällig stösst, lautet: «Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge. . ., und haben nicht acht ihrer selbst.» Petrarca ist «wie betäubt». Er schliesst «das Buch im Zorne mit mir selbst darüber, dass ich noch jetzt Irdisches bewunderte. Hätte ich doch schon zuvor (. . .) lernen müssen, dass nichts bewundernswert ist ausser der Seele: Neben ihrer Grösse ist nichts gross. Da beschied ich mich, genug von dem Berge gesehen zu haben . . .» Die Moral des Mittelalters hat den Renaissancedichter kalt erwischt. Bis sich jene ästhetisierende Naturauffassung durchsetzt, die wir heute als so selbstverständlich empfinden (und der wir den Boom des «Alpinismus» im 18. und 19. Jahrhundert verdanken), wird noch einiges Wasser die Reichenbachschlucht hinunterdonnern. Auch für Luther ist die Natur nicht schön, sondern augenfälliger Ausdruck des Sündenfalls: hässlicher Gegensatz zu dem, was das Paradies einst war. Die Schweizer Reformatoren hingegen sehen das etwas anders. Eine ästhetische Wahrnehmung der Natur ist nicht mehr zwingend ein Verrat an einer theologisch zentrierten Weltanschauung. 1541 schreibt der Zwingli-Schüler Conrad Gesner über das «Schauspiel» des Gebirges: «Ich weiss nicht, wie es zugeht, dass durch diese unbegreiflichen Höhen das Gemüt erschüttert und hingerissen wird zur Betrachtung des erhabenen Baumeisters.» Damit umreisst er zugleich eine ästhetische Erfahrung, die später unter dem Titel des «Erhabenen» einen neuartigen Blick auf die wilde Natur der schroffen und lebensfeindlichen Berge bestimmen wird: die Empfindung von Schönheit, die mit Angstlust gepaart ist. Darum also sind die Berge schön: Weil neue Weltdeutungen es ermöglicht haben, sie (auch) als schön zu betrachten.

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