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Sich hineinversetzen

Ich versuche mich öfters in andere Menschen hineinzuversetzen, um eine Meinungsverschiedenheit verstehen zu können. Manchmal gehe ich auch einen Schritt weiter und versuche einen Verbrecher, einen Mörder, einen Vergewaltiger zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch dazu fähig ist, andere zu verstehen, was ja nicht bedeutet, deren Verhalten zu rechtfertigen. Warum sträuben sich die Menschen so sehr dagegen, die Sichtweise anderer zu verstehen, wenn es um Straftaten geht? P. H.

Lieber Herr H. «Tout comprendre rend très indulgent», heisst es in Germaine de Staëls Roman «Corinne»: Alles zu verstehen, mache sehr nachsichtig. Zum geflügelten Wort ist dieser Satz allerdings erst in einer radikalisierten Fassung geworden: «Alles verstehen heisst alles verzeihen.» So zitiert ihn auch Nietzsche und nennt ihn eine «Dummheit» – mit dem seinerseits durchaus nicht dummen Argument: «... wenn man erst immer auf das ‹comprendre› warten wollte: Es scheint mir, man würde da zu selten zum Verzeihen kommen!» Vor allem aber erscheint ihm dieser Satz als ein «Lieblingswort der Schlaffen und Gewissenslosen»: «... warum sollte man gerade verzeihen, wenn man begriffen hätte? Gesetzt, ich begriffe ganz und gar, warum dieser Satz mir missriet, dürfte ich ihn darum nicht durchstreichen? – Es gibt genug Fälle, wo man einen Menschen durchstreicht, weil man ihn begriffen hat.»

Gut gebrüllt, Friedrich! Das sollte man den Warmduschern und Allesverstehern von der Kuscheljustizfraktion mit wasserfestem Filzstift ins Poesiealbum schreiben! Ja? Oder sollte man nicht doch erst einmal einen Gedanken darauf verschwenden, ob Nietzsches logischer Sprung von einem durchgestrichenen Satz zu einem durchgestrichenen Menschen so zwingend ist, wie er sich gibt? Dient die plakative Markigkeit nicht auch dazu, der unangenehmen Einsicht auszuweichen, dass Verstehen tatsächlich nachsichtig macht – so, wie (das wäre nun mit Nietzsche gegen Nietzsche argumentiert) die Einsicht in die «Genealogie der Moral» uns skeptisch macht gegenüber absoluten Moralansprüchen, ohne dass wir mit dieser Skepsis zugleich jegliche Moral aufgeben müssten? (Die richtige Antwort auf diese rhetorischen Fragen lautet übrigens: Ja genau, so isses doch!)

Wer versteht und darob nachsichtiger wird, behauptet ja nicht: Alles halb so schlimm. Sondern eher im Gegenteil: Auch die von mir geforderte Bestrafung eines Verbrechers kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Tat einer Logik folgt, die nicht völlig fremdartig ist. Wäre es anders, bliebe uns jeder halbwegs gute Krimi, in welchem die Mörder nicht einfach nur als Bestien von einem anderen Stern dargestellt sind, ein Buch mit sieben Siegeln.

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