Alpstein für Quereinsteiger

Ende Oktober, Anfang November hat es sich ausgewandert im Alpstein. Die meisten Bergwirtschaften schliessen, bald schon ziehen Schnee und Eis ein. Diesen Monat aber ist das Gebirge noch geöffnet, sozusagen.

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Scharen von Wanderern sind unterwegs – dies isoliert stehende Massiv, dank dem auch die Appenzeller Anteil an den Alpen haben, dürfte das am stärksten genutzte der Schweiz sein. Es ist schön, aber klein, und sein Einzugsgebiet ist riesig. Die Leute kommen von überall her, von Zürich, St. Gallen, aus dem Süddeutschen und Vorarlbergischen. An sonnigen Spätherbst-Sonntagen ist hier die Hölle los.

Dem Wanderer dienen Brülisau und Wasserauen als Türportale. An beiden Orten beginnen Längsrinnen, die den Leuten die Gehrichtung durch den Alpstein mit seinen Parallelketten aus Kalk vorgeben. Wandern wir quer zu besagten Rinnen, haben wir mehr Ruhe. Allerdings müssen wir auch überdurchschnittlich keuchen und schwitzen. Für die Strapaze entschädigt am ersten Abend unseres Zweitägers das Plattenbödeli am Sämtisersee, ein seelenvoller Ruheort. Wenn wir rechtzeitig reservieren oder gar unter der Woche losziehen, bleibt uns dort das Massenlager erspart: Die behagliche Wirtschaft hat neuerdings sieben Doppelzimmer, auch duschen kann man. Kombiniert mit einer Südworscht (Siedwurst) und Chäshörndli plus einem Nachtspaziergang zum nahen See verheisst das Wohlbehagen.

In Sennwald im St. Galler Rheintal starten wir und haben 1100 Höhenmeter aufzusteigen. Dafür gibt es Realkompensation: Die Schlucht, in die wir auf einem Alpsträsschen biegen, ist von spektakulärer Schroffheit. Schlüsselstelle ist eine Tunnelgalerie, aus deren Fenstern wir in das vom Wildbach glattgeschliffene Felstobel schauen. Im Rückblick sieht die Kunstbaute aus wie die Bunkeranlage in «Die Kanonen von Navarone». Kurz darauf landen wir auf der Alp Rohr, immer noch Kanton St. Gallen. Das Wirtschäftlein, im Oktober an den Wochenenden geöffnet, ist ein Bijou – und nein: Der Journalist hat nicht vor, seine Kolumnen durchgängig mit Superlativen zu garnieren. Aber bei dieser Wanderung folgt nun einmal Höhepunkt auf Höhepunkt. Um gleich noch einen zu nennen: die Sicht von der Alp-Rohr-Terrasse auf die Berge Österreichs und Graubündens.

Nah ist jetzt bereits der an der Antenne erkennbare Hohe Kasten. Auf ihn wollen wir aber nicht, sondern auf die flachere Krete linkerhand, den Baritsch. Ein tolles Gefühl, ihn endlich zu erreichen; tief unten sehen wir Brülisau, dahinter Ausserrhodens Molasserundungen. Hier oben haben wir es fast geschafft: Nur noch eine Stunde locker abwärts, dann können wir uns im Plattenbödeli ein «Quöllfrisch» zuführen.

Fünf Stunden Gehzeit hat das gebraucht. Der zweite Tag ist weniger streng. Gut dreieinhalb Stunden dauert die Wanderung nach Schwende zur Station der Appenzeller Bahnen. Der 400-Meter-Aufstieg vom Plattenbödeli zur Alp Sigel gestaltet sich vergleichsweise leicht. Die weite Alp ist eine Art Stehpult-Schreibfläche von sanfter Neigung. Am höchsten Punkt der aussichtsreichen Route freilich werden wir brüsk gestoppt. Gegen Norden fällt das Gelände senkrecht ab. Wie weiter? Die Antwort besteht aus dem mit Seilen versehenen Felskamin «Zahme Gocht». Dieser wunderliche Name stimuliert die Fantasie. Bei der Deutung helfen Freunde. Max-der-Korrektor wird in einem Wörterbuch der Rheintaler Mundart fündig. Diesem zufolge ist «Gocht» gleich «steile Halde». Markus-der-Ortsnamenforscher fördert aus seinen Speziallexika Genaueres zutage: «Gocht», die verdumpfte Form von «Gacht», sei ein Ostschweizer Ausdruck. Aus dem Althochdeutschen «Gaht» gleich «Aufgang, Durchgang» leite sich der Flurname ab, er sei verwandt mit dem Adjektiv «gäch», also steil.

«Zahme Gocht»: eine gebändigte Steilpartie im Gelände. Man lernt beim Wandern so einiges. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2008, 13:42 Uhr

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