Auf den Ayers Rock der Appenzeller

Von Jakobsbad aus bewandern wir nicht den schattigen Hang des Kronbergs, sondern die extrovertierte Flanke. Die Bilderbuchwanderung mündet in einen gefährlich eisigen Schlussanstieg.

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Mit meiner ständigen Wandertruppe «Fähnlein Fieselschweif» fahre ich eines Samstagmorgens Richtung Ostschweiz. Wie das Wetter ist auch unsere Laune splendid, woran die Verspätung des Intercity nichts ändern kann. Und so müssen wir herzlich lachen, als kurz nach Wil der Zugführer per Lautsprecher in Ruppig-Hochdeutsch klarstellt: «Der Anschluss von Gossau nach Appenzell und Wasserauen ischt gewährleischtet und okei.»

Tatsächlich klappt es mit dem Umsteigen. Wir reisen speditiv weiter bis Jakobsbad. Dort steigen wir aus und haben den Kronberg samt Gasthaus und Seilbahnstation direkt vor uns. Auf diese riesige Molasseknolle wollen wir wandern. Jemand, ich glaube, der Innerrhoder Kabarettist Simon Enzler, hat einmal vom «Ayers Rock der Appenzeller» gesprochen. In der Tat stimmt das von der Form her. Und der Kronberg hat wie sein zentralaustralischer Bruder Magie; südseitig, in seinen verschatteten, von Gletschern zurückgelassenen langen Rinnen, wohnt eine gestaltlose, unheimliche Kraft.

Diesmal freilich begehen wir die extrovertierte Flanke. Die helle, die Publikumsseite des Berges. Wir sind zu acht, plus Emil-der-Hund. Mensch Nummer neun fehlt. Stefan hat verschlafen, aber inzwischen angerufen. Er ist eine Stunde später dran, wird vom Jakobsbad mit der Seilbahn zum Kronberg auffahren und uns von oben her entgegenkommen.

Unser Winterwanderweg ist pink ausgeschildert. In der Anfangspartie dürfte es allerdings mehr Stangen und Wegweiser haben, finden wir. Gut 800 Höhenmeter im Aufstieg erwarten uns. Die letzte Stunde werden wir auf dem Grat laufen. Doch zunächst gilt es, die Scheidegg zu erreichen. Zwei Stunden dauert das. Wir durchqueren eine Bilderbuchgegend: kleine Höfe, die Fassaden pastellgelb und -blau, Gaden. Waldstücke, Weideland. Und ab und zu ein kläffender Bläss, der im entscheidenden Moment doch klein beigibt. Die Route, zum Grossteil schneebedeckte Strässchen, ist vorerst nicht allzu steil. Vor der Scheidegg marschieren wir am Rand einer wenig befahrenen Skipiste, der Abfahrt Kronberg-Jakobsbad.

Dann die Scheidegg, schön, wir sehen nun die Säntiskette direkt vor uns - was für eine böse Wand! Sehen, noch viel schöner, unseren Nachbargrat, die Wartegg, einen wundersam ebenmässigen, schnurgeraden, friedvollen Höhenzug. Sehen, am allerschönsten, dass die Wirtschaft Scheidegg bereits ganz nah ist.

Nichts gegen das Kronberg-Gasthaus. Aber die Scheidegg ist einfach urchiger, und irgendwie hat man Wirtschaften ohnehin immer ein bisschen lieber, die nicht per Bahn zugänglich sind; sie sind exklusiv. Wir setzen uns auf die Terrasse, blinzeln in die Sonne.

Nach einer halben Stunde stösst Stefan zu uns. Er warnt uns, dass der Weg zuoberst übel vereist sei. Tatsächlich, kaum ist das allerliebste St.-Jakob-Kapellchen passiert, da wird es einigermassen schwierig. Wir müssen aufpassen, nicht abzurutschen. Obwohl keine abrupten Felswände lauern, birgt der in diesem Abschnitt steile Hang doch Gefahr. Wir meistern die Passage letztlich, sind uns nachher aber einig: Schuhkrallen braucht es. Oder Wanderstöcke. Oder beides. Oder, noch besser, einen Eispickel. Aber der würde letztlich absurd theatralisch wirken. Wir sind ja nicht an der Eigernordwand.

Auf dem Kronberg ist das Panorama perfekt. Besonders apart anzuschauen sind der Stockberg mit seinen horizontalen Bändern und der wilde Himmelsstürmer Speer. Wir können uns nicht sattsehen. Und so verlassen wir diesen begnadeten Platz erst, als der Sonnenuntergang sich abzeichnet. Mit der Seilbahn fahren wir nieder nach Jakobsbad, besteigen wieder den Zug. Unten in Gossau landen wir in fettem Nebel. Doch unsere Wangen glühen wie Heizkissen und sind ganz rot. Die Sonne hat uns durchwärmt. Exakt so soll ein Winterwandertag enden.

Erstellt: 09.02.2009, 15:26 Uhr

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