Auf den Mond und weiter nach Leukerbad

Anstrengend, einsam und wunderschön – die Wanderung zwischen Lötschental und Leukerbad gehört zu den eindruckvollsten der Schweiz.

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Panorama, Panorama, Panorama: Das ist es, was die Wanderung vom Lötschental nach Leukerbad ausmacht. Ins Auge fasste ich sie vor Jahren winters. Ich stand damals auf dem Hockenhorngrat hoch über der Lauchernalp und kam aus dem Schauen nicht heraus. Diese Berge! Nebenbei fiel mir im Westen aber auch eine markant lange Rille auf, die zwischen hohen Flanken auf einen Pass zulief.

Stunden später, über einem Trockenfleisch-Teller im Restaurant Bietschhorn in Kippel, rekonstruierte ich anhand der Karte, was ich oben auf dem Grat alles gesehen hatte. Die Rille, erkannte ich, führt zum Restipass, 2626 Meter über Meer.

Nie gehört, den Namen. Restipass, ich werde dich erobern, gelobte ich mir im Restaurant.

Geschäftstüchtiger Bergwirt

Und nun ist es so weit, und ich mache mich auf. Die Startetappe von Ferden, ein steiler Aufstieg, bringt mich schrecklich ins Keuchen. Freilich erobere ich mir gleichzeitig das erste Panorama des Tages: Ich sehe bis zuhinterst ins Lötschental.

Eine Überraschung erwartet mich auf der Restialp: eine Wirtschaft mit Terrässchen. Der Wirt, steht da zu lesen, spielt gegen Bezahlung Taxi, fährt einen zu Tale und umgekehrt. Bikes vermietet er auch; das wird mir eine Höllenfahrt sein, denke ich mir angesichts der Höhendifferenz von 700 Metern.

Nun betrete ich die Rille. Wobei sie sich aus der Entfernung sozusagen rillenhafter präsentierte; aus der Nähe löst sich der Eindruck auf zugunsten eines Furioso von Fels und Steinen. Der Fels nimmt in immer neuen Verwerfungen Gestalt an, begleitet mich in Längsrippen, stellt sich dann wieder quer und blockiert den Pfad. Die Steine ihrerseits gibt es millionenfach: Rundum liegt Geröll. Ausserdem sind da Wildbäche von rührender Lauterkeit. Last but not least ist das Restirothorn zu erwähnen: Es sitzt rechts des Passes, wacht über Kommen und Gehen und ist – sehr apart – ockerfarben.

Endlich die Passhöhe, eine ebene Fläche. Ist das ein Bachbett?, frage ich mich angesichts der Kieselmassen. Weil sie unterlegt sind von pulvrig-sandiger Erde, denke ich dann: Oder bin ich hier auf dem Mond? Alsbald lasse ich mich vom zweiten Gewaltspanorama des Tages fesseln: Gegen Südwesten sehe ich einige Viertausender den Himmel ritzen.

Muskelkaterprophylaxe

Hinab zur Seilbahnstation Rinderhütte ist nun ein schönes anderthalbstündiges Auslaufen. Ich treffe dabei einen alten Haudegen von Romand in Militärschuhen, der mir Schnaps anbietet; ich muss allerdings passen, ich brauche meine Trittsicherheit. Weiter unten lande ich beim Wyssesee. Der Name passt. Als ich aus flachem Winkel auf das Wasser schaue, schimmert dieses eigentümlich silbrig.

Schliesslich lange ich bei der Rinderhütte an – und bin enttäuscht: hässlich das Gebäude, horribel im Gelände die Narben des winterlichen Skibetriebs. Soll hier meine Wanderung enden, frage ich mich im Restaurant. Nein! Das wäre mir zu negativ. Spontan beschliesse ich weiterzugehen, hinab nach Leukerbad.

Ich bereue es nicht. Es gibt beim Wandern diesen Zeitpunkt nach gut vier, fünf Stunden, da beginnt der Körper die Zufriedenheitsdroge freizusetzen. Im Zustand grösster Lebensfreude spaziere ich hinab nach Leukerbad. Dabei wird mir erst noch ein drittes Panorama zuteil. Diesmal ist es Leukerbad im Puppenstubenformat, umkränzt von Bergen. Zudem gehe ich im oberen Teil einigermassen auf der Höhe der gegenüberliegenden Gemmiroute. Dass von Leukerbad durch die senkrechte Fluh ein Weg führt: ein Augenspektakel!

Vom Weltwunder Gemmi ein andermal mehr. Hier seien zu guter Letzt die heissen Wasser von Leukerbad gepriesen. Sie haben in meinem Fall den drohenden Restipass-Muskelkater vollständig abgewendet. Insofern ist dies das perfekte Wanderziel.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2009, 09:26 Uhr

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