Der Sikh-Zwischenfall

Ein unfreundlicher Kondukteur sorgt für einen denkwürdigen Eklat zum Beginn einer anstrengenden, aber sehr abwechslungsreichen Wanderung auf die Schynige Platte im Berner Oberland.

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Der Zug nach Grindelwald ist rappelvoll. Drei Abteile weiter vorn sitzt ein Sikh mit seiner Frau. Sie betrachten das Gebirgstal, durch das sie fahren, mit Wohlgefallen. Und ich betrachte sie beide mit Wohlgefallen. Bei Gündlischwand werde ich abgelenkt. Links oben erkenne ich die Schynige Platte. Dort hinauf will ich. Aber was ist das für ein gelb-oranges Zündholz, das waagrecht am Gipfel klebt?

Billettprobleme und ein schreiender Chauffeur

Jetzt kommt der Kondukteur, dunkelhaarig, untersetzt und mit einer Stimme so laut, dass er eigentlich permanent schreit. Mit dem Sikh und seiner Frau gibt es ein Problem. Das Paar hat zwei halbe Billette, aber die Halbpreiskarte hat es nicht dabei. Ich glaube, folgende Erklärung zu verstehen: Die beiden haben die Karte im Hotel gelassen. Der Kondukteur seinerseits erklärt ihnen unwirsch, sie müssten nachzahlen, bekämen das Geld aber später am Bahnhof zurückerstattet. Zahlten sie nicht subito, heisse es aussteigen: «This is children ticket! Here is the door! You must get out!»

In Lütschental steigt das Ehepaar, das wohl gar nicht wirklich begriffen hat, wie das mit dem Nachzahlen funktionieren soll, und auch kaum Zeit zum Überlegen hatte, mit hängenden Schultern aus dem Zug. Die Frau in der gestärkten weissen Bluse und der Mann mit dem gepflegten Schnauzbart schämen sich. Ich frage mich: Behandelt man so Touristen? Wie Betrüger?

Gipfel, die das Herz erobern

Bei Burglauenen kurz vor Grindelwald – Halt auf Verlangen – steige ich auch aus. Freiwillig. Meine Bergwanderung wird, um es vorwegzunehmen, abwechslungsreich. Immer neue Ansichten bekomme ich serviert: das Tal der Schwarzen Lütschine. Den Männlichen. Und später das Tal von Lauterbrunnen und die Eisriesen am Horizont. Eiger, Mönch, Jungfrau & Co begeistern mich allerdings nicht, sie sind mir zu abstrakt, zu gleissend, zu fern. Auf dieser Route erobern mindere Gipfel mein Herz: die kecken Kleinhörner zur Rechten im Querriegel vor dem Faulhorn. Ihr Gezacke hat etwas Erfrischendes.

Streng ist die Wanderung auch. Allein der Anfang, hinauf auf die Terrasse der Schärmatte: schweisstreibend! Nach einer leichten Hangtraverse im Wald geht es erneut saftig aufwärts nach Sengg. Verwirrlich das Schild, das dort Steinschlaggefahr wegen Bauarbeiten ankündigt: Ich sehe nirgendwo Bauarbeiten. Respektive: Ich sehe welche, aber die können nicht gemeint sein; der erwähnte Zahnstocher weit vorn auf der Schynigen Platte – eindeutig ein Baukran.

Im Hänsel-und-Gretel-Wald

Hoch über dem Lütschental gilt es am Glattbach eine Felsfluh zu queren. Wenigstens ist der Pfad am Fuss der Fluh angelegt. Es bleiben drei mässig ausgesetzte Stellen. Alsbald lande ich in einem Hänsel-und-Gretel-Wald mit vermoosten Felsblöcken. Hernach erreiche ich die weite Alp von Iselten. Und dann, dann, dann, nachdem ich die letzte halbe Stunde auf geschotterten, breiten Alpwegen ging, bin ich oben. Schynige Platte, Station.

Grandios. Der Berg an sich ist angesichts der übermächtigen Konkurrenz kein Star. Aber das Panorama, das er ermöglicht, ist gross; darum hat man ihn Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Zahnradbahn erschlossen. Letzte Etappe meines Ausfluges: Nachdem ich zur Kenntnis genommen habe, dass die Bauarbeiten dem Ausbau des Berghotels gelten; nachdem ich in ebendiesem Hotel eine deftige Käseschnitte gegessen habe; nachdem ich geschlendert bin und mich sattgesehen habe – nach alledem zuckle ich in dem auf Nostalgie getrimmten Züglein hinab nach Wilderswil. Dabei denke ich an den Sikh und seine Frau: Ob sie in einem zweiten Anlauf doch nach Grindelwald gekommen sind? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2010, 11:31 Uhr

Zu Fuss

Route: Burglauenen (Bahnstation) – Schärmatte – Sengg – Schynige Platte, Station

Dauer: 4 ½ Stunden.

Höhendifferenz: circa 1100 Meter aufwärts, dazwischen leicht abwärts nach Sengg.

Charakter: einsam, weit, streng. Kurze, mässig ausgesetzte Passage nach Sengg. Abwechslungsreich durch immer neue Szenarios.

Höhepunkte: der Felsriegel zur Rechten vor dem Faulhorn. Die Käseschnitte auf der Schynigen Platte. Die Talfahrt mit dem nostalgischen Zuckel-Schmalspur-Züglein.

Einkehr: Erst am Schluss auf der Schynigen Platte. (Dort wird momentan das Berghotel umgebaut, mit Baulärm ist zu rechnen).

TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jede Woche eine Wanderung vor. Neues Wanderbuch: «Zu Fuss. Die verschwundene Seilbahn», www.echtzeit.ch

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