Der Stier war Gott sei Dank ein Phlegmatiker

Eine Wanderung durch die vielseitige Wolfsschlucht im Solothurner Jura, gekrönt mit einer Käseschnitte, nach der jede andere Schnitte dieser Art sinnlos ist.

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In Deutschland gibt es ein Dutzend «Wolfsschluchten». Hier rede ich natürlich von der Schweizer, genauer gesagt: der Solothurner Wolfsschlucht. Wer sie bewandern will, muss erst einmal korrekt aussteigen. Die Bushaltestelle gleichen Namens an der langen, sanft steigenden Geraden vor Welschenrohr darf er nicht verpassen.

Geschafft. Der Chauffeur hat angehalten. Nun stehen Nicole, Mathias und ich am Strassenrand. In einem Horrortempo – es ist Wochenende und schönes Wetter – donnern Autos und Töffs vorbei. Wir gehen 100 Meter retour, biegen links in den Wald. Und schon sind wir in der Ruhe.

Eng ist diese Schlucht. Brücklein queren den Bach. Die Felswände links und rechts haben immer wieder Kalkbrocken an die Schwerkraft abgetreten, überall liegt Geröll. Eine Panzertür zur Linken weckt unser Interesse: Das Schweizer Militär ist also auch hier. Oder es war hier – wir wissen es nicht. Die Tür ist verrammelt. Uns bleibt also nur die Fantasie, die natürlich eine gigantische Bunkeranlage im Berg wittert.

Unangenehm der schwarze Stier, der uns beglotzt

Die Schlucht ist Teil des Naturparks Thal. Seltenes gedeiht, das ich als Botaniknull freilich nicht benennen kann. Nicole und Mathias, die Pflanzenkenner, frohlocken. Sie stellen mir, der sich vorgenommen hat, auf jeder Wanderung ein Gewächs zu memorieren, mein Objekt des Tages vor: den Hirschzungenfarn. Ungefiedert sind seine Wedel, haben nicht das Ziselierte, unendlich Verästelte anderer Farne. Nein, der Hirschzungenfarn wirkt einfacher, primitiver, urtümlicher: jeder Wedel eine Zunge mit geradem Rand. Den kann ich mir merken.

Stetig steigt der Weg. Bald kommen zwei Höhlen in Sicht. Vor der unteren Höhle ist eine Grillstelle eingerichtet. Eine junge Mutter sitzt da mit zwei kleinen Kindern. Ein Feuer brennt. Es ist eine Urszene. Ihr Mann, der Jäger, ist wohl noch auf der Jagd. Wobei: Die Frau braucht ihn gar nicht. Sie hat schon Fleisch auf dem Feuer und wirkt ganz und gar selbstständig... Etwas weiter oben stellt sich uns die Hornegg in den Weg. Wir umgehen sie rechterhand, Richtung Brandberg. Unangenehm der schwarze Stier, der uns beglotzt. Wir müssen durch seine Wiese. Ich sehe mich bereits im Spital, auf dem Notfall, mit zerfetzten Eingeweide. «Hornstoss, sieht schlecht aus», flüstert die Schwester dem herbeieilenden Chirurgen zu.

Der Stier rührt sich dann aber nicht von der Stelle. Er ist ein Phlegmatiker, Gott sei Dank! Die nächste Stunde ist gemächliches Aufwärtsgehen über Weiden und durch Wald. Endlich kommt die obere Tannmatt in Sicht, und jawohl: Da ist eine Wirtschaft. Eine Bauernwirtschaft. Und sie hat offen. Wir setzen uns erst raus, gehen dann rein, ich und Nicole frösteln. Naturbursche Mathias ist verschwitzt.

Die vollendete Realisierung der Idee

Drinnen ist es eng, doch wir sind fast allein. Auf der Speisekarte ist «Käseschnitte» aufgeführt, wir nehmen die reichhaltige Variante mit Speck und Spiegelei für 12 Franken 50. Nach fast einer halben Stunde Vorfreude kommt ein Monument. Die vollendete Realisierung der Idee. Die ultimative, die finale, die metaphysische Version. Die Käseschnitte, nach der jede andere Käseschnitte sinnlos ist. Riesig ist sie, fein, der Käsebelag bildet in souffléartiger Konsistenz eine Glocke über dem Brot. Kleingeschnittener Speck gibt den «Chust». Himmlisch.

Im Winter ist die Strasse von Herbetswil zur Tannmatt gespurt. Hinauflaufen und hier oben auf Schneeschuhen über den Schnee wandeln: Das ist ein guter Plan. Und dann wie ein hungriger Taiga-Bär in die Wirtschaft einfallen und die Käseschnitte bestellen. «Obere Tannmatt», ich komme bald wieder! Thomas Widmer

TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung vor. Seine Bücher gibt es im Echtzeit-Verlag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2009, 09:11 Uhr

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