Die Brücke, die sprechen kann und doch schweigt

Beim Wandern mit dem Schriftsteller Walter Züst vergisst man leicht das Wandern, auch wenn die Route im Ausserrhodischen durch die Jugendlandschaft des Autors führt.

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Man vergisst beim Wandern mit dem Schriftsteller Walter Züst das Wandern, derart angeregt plaudert man. Der 77-jährige Alt-Gemeindeschreiber von Grub AR hat offenbar jeden «Spiegel» der letzten drei, vier Jahrzehnte gelesen, er weiss ebenso Bescheid über internationale Politik wie über die neusten US-Sachbücher. Zuallererst freilich gilt sein Wissensdrang Ausserrhodens Vergangenheit, alle seine Romane beruhen auf alten Dokumenten und spielen in der Gegend. So auch das neue Buch «Mit einem Schlag», ein Appenzeller True-Crime-Novel, dem wir an einem wunderbar klaren Novembertag nachgehen.

Wir treffen uns vor der Post von Hundwil, welches auch nach Abschaffung der Landsgemeinde das Landsgemeindedorf bleibt: Die Insignien sind noch da, etwa der wappengeschmückte Landsgemeindebrunnen vor der Krone. Züst erwähnt, dass wir auf dem alten Landsgemeindeweg nach Herisau wandern werden; in früheren Zeiten hätten an dem einen Tag im Jahr jeweils Hunderte Bettler an diesem Weg gewartet und eine Gabe erheischt. Geschichte beschäftigt uns auch im Folgenden: Als wir bald im Moos unterhalb Hundwils am «Rothus» vorbeikommen, spekulieren wir, ob es wohl einst «rot» war. Oder war der Bau von 1687 mit seinen prächtigen Fassadenmalereien vielmehr das Haus eines Ratsherrn, der hier ein Stübli für Sitzungen bereithielt? Wieder etwas später, gegen das Herisauer Tobel zu, springt die Konversation auf die Ursprünge Herisaus. Dieses habe einst den Herren von Rorschach gehört, sagt Züst und holt aus, es zu erläutern.

Nein, mit Züst wird einem nicht langweilig, nicht mit dem Menschen, nicht mit seinen Büchern. Hier ist nun aber eine Erklärung des Journalisten in eigener Sache fällig: Dies ist meine Jugendlandschaft. Ich bin im benachbarten Stein, dann in Hundwil aufgewachsen. Als Kantonsschüler verbrachte ich freie Nachmittage gern im Herisauer Tobel. Oft begleitete mich der Familienschäferhund, der jeweils mit grossem emotionellen Engagement verfolgte, wie ich zwei Cervelats vom Hundwiler Dorfmetzger Ammann (seine Cervelats und Siedwürste sind bis heute die besten weit und breit) über dem Feuer briet.

Von einem Leichenfund im Tobel wusste ich zu jener Zeit nichts. Züsts neuer, sehr lesenswerter Roman hat mir erst kürzlich die Vorkommnisse von 1780 zur Kenntnis gebracht. Zwei Einheimische erschlugen damals den Viehhändler Rüegg aus dem Tösstal, nahmen sein Geld, verscharrten den Toten im Tobel, wo er aber bald entdeckt wurde; später beseitigten die Täter auch noch einen Mitwisser. «Mit einem Schlag» ist ein historischer Krimi, aber auch ein Sittenbild des Ancien Régime. Das Volk leidet unter immer neuen Abgaben und Behördenschikanen, ist - in seiner männlichen Ausprägung - einer Rauferei nie abgeneigt, wischt sich dann beim Zäuerle, dem Naturjodel-Gesang, wieder die Tränen vom Gesicht, es ist rührselig und ungeschlacht zugleich. Züst hat ein Herz für diese einfachen Leute. Sogar für die Mörder, er bringt es nicht über sich, beide Tölpel unter den Händen des Scharfrichters enden zu lassen. Obwohl es in der Realität tatsächlich so geschah.

Wo exakt im einsamen Tobel Rüeggs Leiche vergraben lag, ist unklar. Es dürfte, sagt Züst, in der Nähe der Fussgängerbrücke über die Urnäsch gewesen sein. Sie, ganz aus Holz, ein Werk des berühmten Baumeisters Hans Ulrich Grubenmann, ist auch eine Chronistin ihrer Zeit, indem sie inwendig mit Sprüchen über und über bemalt ist. Die «sprechende Brücke», wie sie heisst, berichtet zum Beispiel, was mit ihrer Vorgängerin geschah: «Die vor der stehete im Jahr 1722 wohl gebaut brug ist da weggeschwämt durch unerdenckliche grosse wasserflutt.»

Die «sprechende Brücke» wurde 1778 gebaut. Im Alter von zwei Jahren muss sie die Mörder gesehen haben. Sie ist Augenzeugin. Darüber aber spricht sie nicht.

Erstellt: 27.11.2008, 09:52 Uhr

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