Die Täufer, Madleni und die Schlange

Auf den Spuren des Romans «Die Furgge» wandle ich auf Schiessplätzen, in wilden Schluchten und spüre in der Gegenwart die Geister der Vergangenheit. Das Emmental bleibt unheimlich.

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Emmental, das sind Gotthelfsche Bilder: Kartoffelfäule, Hunger, Armut, Überschwemmungen, Erdrutsche; aber auch Bauernherrlichkeit, Bernerplatte, Branntwein und Tanz, habliche Hausdächer bis fast zum Boden. Vor kurzem sind neue Bilder hinzugekommen.

Ich geriet an Katharina Zimmermanns historischen Roman «Die Furgge» von 1989 und tauchte ab ins Emmental der Täuferverfolgungen vor etwas mehr als 300 Jahren. Als junge Frau schliesst sich Madleni Schilt aus Schangnau den Täufern an. Mit 37 landet sie im Kerker und kommt bis an ihr Ende nicht mehr frei.

Die gnädigen Herren zu Bern schätzen es nicht, wenn die Hinterwäldler draussen in den Krachen sich der Kirche verweigern. Die Kinder nicht zur Taufe bringen. Von Gewaltlosigkeit reden und vom Krieg als Sünde. Religion und Staat sind im Ancien Régime eng verwoben und stützen sich gegenseitig. Zum Beispiel werden auf der Grundlage des Taufrodels die patrizischen Kompanien ausgehoben.

Man lese das Buch. Und dann wandere man im Emmental. Ich meine nicht, dass man Schauplätze abklappern soll, das gibt wohl gar nicht so viel her. Aber man sieht die Gegenwart anders, wenn man in ihr die Geister der Vergangenheit spürt. Eine solche Wanderung hat eine emotionelle Ladung und spirituelle Wucht.

Das Madleni Schilt hat mich von Röthenbach zum Schallenberg und durch die Reblochschlucht nach Schangnau begleitet. Es war vielleicht zusätzlich die Spätherbststimmung, die mich auf der viereinhalbstündigen Wanderung in starker Melancholie oder auch Traumhaftigkeit hielt.

Abgesehen von der Begegnung mit dem Militär, die war handfest und real. Nachdem ich von Röthenbach auf einem Natursträsschen durch den Wald hinauf zum Nägelisboden gestiegen war, stiess ich auf den Schiessplatz Rouchgrat. Ein Plakat bedeutete mir, es herrsche gerade Schiessbetrieb, man solle auf dem Wanderweg bleiben und keine Blindgänger berühren. Bald traf ich auf eine Schiesswache, sprach ein wenig mit dem jungen Soldaten, liess mir noch einmal einschärfen, dass ich auf dem Weg bleiben solle, zog weiter und erschrak zu Tode, als jenseits der Krete in einem Tobel etwas Granatenartiges detonierte, dass der Boden zitterte.

Und dann, dann war ich richtig im Emmental angekommen, in meinen Vorstellungen und Fantasien, in meinem Buch: ein Plateau, rundum Wiesen und Hügelzüge, dazwischen erahnbar tiefe Gräben. Das war die Gegend des Madleni Schilt. Ich begriff, dass die zerfurchte, gekammerte Landschaft die Voraussetzung des radikalprotestantisch befeuerten Täufer-Individualismus darstellt: Hier ist jeder für sich und allein, im Guten wie im Schlechten, in der Freiheit der Gedanken, im Kampf gegen die Naturgewalten, vor Gott.

Im Restaurant Gabelspitz auf dem Schallenbergpass ass ich zu Mittag. Ich war nun gespannt auf das Rebloch, die Schlucht der Emme unweit von Schangnau, die auch das Madleni im Roman begeht, winters, was nicht ungefährlich ist. Via das Naturschutzgebiet Steinmösli stieg ich ab; lustig das Holztribünchen, das einem die Aussicht über das Moor gestattet! Ich fand gute Verhältnisse vor. Der Schluchtpfad wurde in der Neuzeit seriös gesichert. Er führt in einen urzeitlichen Schummer aus Bröckelstein und Wasser, in ein Reich der Kammern und Kessel und Strudel.

Natürlich erfasst man vom Weg und dann von der Brücke aus nur einen kleinen Teil des Reblochs. Wollte man mehr sehen, müsste man hinab ans und ins Wasser. Man müsste dazu aber sehr gut schwimmen können und furchtlos sein, es braucht Mut, das gut einen Kilometer lange, felsgesäumte, finstere Loch zu durchqueren. Und wie man hört, ist die Schlüsselstelle, ein 20 Meter langer Naturtunnel, nur bei niedrigem Wasserstand überhaupt meisterbar.

Und auch vor der Emmenschlange muss man Angst haben. Hier unten im Rebloch hat das Urvieh seine Behausung, sagen die Einheimischen, und holt sich ab und zu etwas Lebendiges aus der Umgebung. Ich selber bin, wie diese Kolumne zeigt, heil davongekommen. Es bleibt mir ein Gefühl der Unheimlichkeit. Das Emmental ist schön und traurig und lieblich und bös aufs Mal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2008, 10:17 Uhr

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