Ein Lehrgang in Wildheuerei

Jeden Donnerstag stellt Thomas Widmer eine Wanderung in der Schweiz vor. Heute: Der Urner Wildheuerpfad.

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Das Wandern in der Schweiz ist erfunden, ein für allemal. Innovatiönchen wie der ausziehbare Gehstock, Gadgets à la GPS, immer raffiniertere Outdoorbekleidung ändern daran nichts. Das Wegnetz ist gegeben und nur begrenzt wandelbar. Immerhin, ab und zu wird eine Route aufgewertet, indem man sie frisch verpackt. Findige Leute statten sie mit einem Thema aus und beschildern sie entsprechend.

Zum Beispiel der Urner Wildheuerpfad. Seine Steige sind uralt, doch seit kurzem bilden sie offiziell einen Themenweg. Ich war im Sommer bei der Einweihung in Flüelen dabei. Deren erster Teil spielte auf dem Urnersee, auf einem mit Granittischen und -sitzen ausgerüsteten Partynauen. Von dem schwimmenden Grotto aus hatte man eine optimale Sicht auf den Rophaien, auf dessen riesiges weisses Gipfelkreuz auf 2078 Metern und die monumentale Flanke oberhalb der Axenstrasse. Sie präsentiert sich als Mosaik: weisse, horizontal verlaufende Bänder aus schütterem Kalk zum einen. Wald- und Buschflächen zum anderen. Und immer wieder abschüssige Grasflächen, die der Einheimische «Plangge» nennt.

Durch diese Flanke verläuft, erneuert und gut gesichert, der Wildheuerpfad. Die vielen Einzelwieslein an ihm abzuheuen, war früher eine Lebensnotwendigkeit, ärmere Bauern kamen überhaupt nur so über die Runden. Später sah es aus, als wolle das Sensenhandwerk am Hang aussterben.

Der Rückzug des Menschen hat Folgen: Das hohe Gras verklebt sich im Winter mit dem Schnee, und wenn dieser dann rutscht, reisst er mit dem Gras die Erdkrume weg, Bodenerosion setzt ein, und mit der Biodiversität ist es auch aus. Uri, das mit über 250 Hektaren die ausgedehnteste Wildifläche schweizweit besitzt, will dies verhindern. Deshalb die touristische Lancierung des Pfades, er ist Teil eines ganzen Förderprogramms. Bauern, die sich in die Planggen wagen, erhalten neuerdings einen speziellen Lohn: gut 2700 Franken pro Hektar, wofür man eine Woche harte Arbeit unter gefährlichen Bedingungen veranschlägt.

Der Theorie folgte die Praxis. Mit der Seilbahn fuhr man von Flüelen 1000 Meter hoch zur Eggbergen-Bergstation. Die anschliessende Wanderung bereitete jenseits der ökologischen und historischen, ökonomischen und landwirtschaftspolitischen Erwägungen Freude – eine empfehlenswerte Route. Sie eignet sich für alle, die einen mittleren Effort im Gelände (vier Stunden Gehzeit, 150 Meter auf-, 600 abwärts) ebenso wenig scheuen wie die Durchschreitung einiger mässig schwindelerregenden Engstellen und Runsen. Die Anstrengung wird an Ort und Stelle belohnt: Adlerblick auf den Urnersee tief unten mit den Badeinselchen aus Neat-Aushub und auf das Trio von Reuss, Autobahn und Schienenstrang. Berauschender Harzduft der Föhren und Heuschrecken-Konzert. Einlullende, vom Berghang abgestrahlte Wärme.

15 «Erlebnisstationen» stimulieren zudem Spielfreude, Spekuliertrieb und Staunlust von Erwachsenen und Kindern. Ein Riechrätsel ist da zu lösen. Die Magie eines kühlen Blockschuttwaldes soll man spüren; mit etwas Fantasie gelingt es. Eine kleine Ausstellung zeigt traditionelles Gerät. Und Flurnamen beginnen zu sprechen: Die «Balzenrüti» rodete der Balz Ziegler, und über die Felsen des «Fliälerfelli» stiessen die Flüeler Bauern einst das Heu in die Tiefe. Überhaupt lernt man auf dieser Route Wildheuerargot: ein Pinggel ist ein Heubündel im Netz – eine Triste ein Heustock im Freien.

Schliesslich endet der Pfad auf Oberaxen: wieder, wie auf Eggbergen, eine Wirtschaft, wieder eine Seilbahn (hinab zur Bushaltestelle Flüelen Gruonbach). Wer noch nicht genug vom Thema hat, dem sei ein Kinofilm ans Herz gelegt, den gute Videotheken bereithalten: Erich Langjahrs wunderbar langsamer Film «Das Erbe der Bergler» über die letzten Wildheuer im Muotatal. Was den neuen Pfad angeht, darf man mit dem Fazit schliessen: für einmal ein guter Themenweg. Er bereichert seinen Berg. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2008, 13:42 Uhr

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