Ein Pass mit Kiosk

Der wunderschöne Blick auf die Berner Oberländer Berge, der exklusive Kiosk auf dem Morgetenpass – schon diese Highlights sprechen für eine Bewanderung des Höhenwegs über dem Simmental.

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Frühmorgens steige ich in den Zug nach Bern. Im Waggon ist es still. Sobald wir fahren, nehme ich den Deckel vom Takeaway-Kaffee. Wunderbar, jetzt kann ich in Ruhe wirklich wach werden.

Da höre ich die Pumpgeräusche

Ein dürrer Jungbiker mit Spitzbärtchen beugt sich im übernächsten Abteil über einen abmontierten Veloreifen. Er pumpt Luft in das Ding, leimt, wartet – und fängt wieder von vorne an und flucht dabei leise. Irgendetwas klappt ganz und gar nicht.

Ist das hier eine Velowerkstatt? Ich ärgere mich und bin nun nicht mehr entspannt. Und die Pumperei wird immer hysterischer. Der Biker kommt dann aber nach 20, 25 Minuten doch noch zum Schluss. Zufrieden seufzend, wischt er die verschmierten Hände am Zugsitz ab.

Eine Stunde später habe ich den Biker des Grauens vergessen. Tautropfen funkeln in der Sonne, als seien die Grashalme edelsteinbesetzt. In unzähligen Kehren fährt der Bus von Riggisberg durch den vermoosten Wald hinauf in die Berge, angesichts derer mir ganz hymnisch zumute wird.

Viel beschriebener Höhenweg

In «Gurnigel-Wasserscheide» steige ich aus und gehe los. Bei der Unteren Gantrischhütte merke ich eine halbe Stunde später allerdings, dass ich auch erst hier hätte aussteigen können. Aber hey, ich bin ein Wanderer, kein Problem!

Im Folgenden halte ich am Gewaltsklotz des Gantrisch vorbei auf den Morgetenpass zu, einen Übergang ins Simmental. Der Weg ist breit und einfach. Als ich den Pass erreiche, atme ich durch, setze mich, beschaue die Berge auf der gegenüberliegenden Seite des Simmentals.

Mein Plan zielt freilich nicht in ihre Richtung; ich bleibe an meinem Hang. Gleich beim Morgetenpass beginnt ein Höhenweg, der in vielen Wanderbüchern als besonders schön gepriesen wird. Immer unterhalb der Gantrischkette zur Linken, immer das Simmental zur Rechten, mal über Geröll, dann wieder über Alpwiesen, führt er in drei Stunden zur Oberen Walalp.

Worauf ich sur place verzichte: Zuerst könnte man vom Morgetenpass aus in 30 Minuten noch auf den Gantrisch steigen. Doch an meinem Tag ist der Boden nass. Der Weg, vor dem Gipfel ein wenig ausgesetzt, wirkt gefährlich.

Exklusiver Kiosk

Also der Höhenweg. Er ist toll und die Aussicht prächtig. Als ich schliesslich bei der Oberen Walalp anlange, bin ich einem berühmten Berner Gipfel nahegerückt, dem Stockhorn. Ein Aufstieg, einer in der Direttissima, wird das jetzt aber nicht, vielmehr ist mir beschieden, den Berg auf halber Höhe zu umrunden. Gegen Schluss dieser Etappe, auf einem abenteuerlichen Steig, gerate ich in einen Urwald: wuchernde Pflanzen, dunkler Forst, Kalkschratten.

Nun kommt der Oberstockensee, ein fast rundes Gewässer, in Sicht. Und kurz darauf das Berggasthaus «Oberstockenalp». Ich gönne mir ein Fleischplättli, das habe ich mir wahrlich verdient. Dann ziehe ich weiter. Als ich endlich am benachbarten Hinterstockensee die Stockhorn-Seilbahn-Mittelstation Chrindi erreicht habe und nach Erlenbach niederfahre, fühle ich mich befriedigend erschöpft.

Nachtrag: «Hesch en Kiosk a der Eigernordwand?» hiess im Jugendslang einst so viel wie «Spinnst du?» Ist ja auch eine absurde Vorstellung.

Doch auf dem Morgetenpass – da gibt es einen Kiosk. Ist in der Wandersaison das Wetter gut, zieht (immer an den Wochenenden, in den Sommerferien oft auch unter der Woche) jemand von der nur wenig tiefer gelegenen Alp Obriste-Morgeten hier hinauf.

Dann flattert die Schweizer Fahne über dem schmucken Holzhüttlein. Und der Wanderer kriegt einen Kaffee, kann Alpkäse kaufen, Würste, Selbstgebackenes. Eine super Sache ist das, ein Kompliment der Bauernfamilie Siegenthaler, die den Kiosk betreibt. Und ein Kompliment diesem Land. Wo gibt es das sonst auf der Welt: einen Bergpass mit eigenem Kiosk?

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2009, 14:12 Uhr

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