Eine verschwundene Seilbahn und ein käsender Abt

Der Start in Engelberg beginnt mit einem Schock. Doch die Bahn ist nicht weg, sondern nur umgezogen. Die Wanderung macht so glücklich, dass ich mir einen Nachschlag von zwei Stunden gönne.

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Nachtrag zur Kolumne von vor drei Wochen über Brigels. Mir ist da wieder passiert, was mir vor Jahren aufgrund eines Artikels über Elm passierte. In beiden Fällen bezeichnete ich ein Skigebiet - damals das von Elm, diesmal das von Brigels - als klein. Und beide Male kamen Zuschriften empörter Leser, die mir entgegen hielten: Das ist kein kleines, das ist ein grosses Skigebiet, Herr Widmer!

Mit Verlaub, liebe Leser, ich bin gar nicht einverstanden. Klosters hat ein grosses Skigebiet, Grindelwald, Zermatt. Aber doch nicht Brigels. Und was wäre denn gewonnen, wenn dasjenige von Brigels auch als gross gälte? Wir leben in Zeiten von «small is beautiful». Meine Absicht, als ich das Adjektiv «klein» platzierte, war die zu loben. «Klein» ist für mich ein Kompliment. Und so wiederhole ich trotzig: Brigels hat ein kleines Skigebiet. Und das ist gut so!

Allerdings werde ich es mir verkneifen, nun Engelbergs Skigebiet, durch das die folgende Winterwanderung führt, hinsichtlich seiner Ausmasse zu taxieren; eine dritte Kontroverse in der Sache strebe ich nicht an. Daher sage ich bloss: Dieses Skigebiet ist wunderbar. Nur schon wegen des Blicks auf die Spannort-Gebilde, zwei Bergformationen, die am Horizont aus dem Geröll zacken wie riesige Kristallbouquets.

Als ich vor wenigen Wochen diese Wanderung antrat, begann sie mit einem Schock. Ich ging vom Bahnhof Engelberg durchs Dorf zur Ristis-Luftseilbahn. Jedoch: Die Station lag verlassen da! Ein mitfühlender Passant brachte mir sanft bei, dass die Bahn sozusagen umgezogen ist, nach weiter hinten im Tal. Dort, hinter der Klosteranlage, hat man einen Neubau erstellt und im Dezember eingeweiht. Das Ereignis ging unbemerkt an mir vorbei.

Die neue Bahn ist schmuck, und die Kabinen haben Panoramafenster bis zum Boden. Ich genoss die Fahrt. Von Ristis aus setzte ich mit dem Sessellift, der ganz der alte ist, fort zur Brunnihütte. Sie kenne ich von Sommerwanderungen und schätze sie. Es gelingt ihren Betreibern, viel Volk zu verköstigen und doch Chaletcharme zu bewahren; eine Abfertigungsanlage ist das nicht, wofür auch die göttliche, mit einem lauwarmen Nussguss bestückte Chriesiwähe spricht, die ich mir einverleibte. Sie war offensichtlich mit Liebe gebacken.

Dann war es so weit: Wanderstart. Gleich bei der Sessellift-Bergstation steht der Wegweiser. Am Rand der Skipiste geht es die ersten 50 Meter brutal steil abwärts. Aber danach wird alles gut; die Piste mässigt sich, und man zweigt bald links ab auf einen etwas höher im Hang liegenden Pfad, der für die Fussgänger bestimmt ist. Im Nachhinein würde ich ihn als Glücksweg bezeichnen, schlicht, weil man auf ihm das Lächeln lernt: Man geht erhaben im Licht über dem dunklen Talkessel, das Gefälle ist in Form einer weit ausholenden Schleife zum Spazierspass gezähmt, man sieht Berge sonder Zahl. Und man wird vor allem von der Sonne umschmeichelt und befindet sich gleichzeitig in der Stille; dies ist ein Weg, auf dem man innehält, sich hinsetzt, schaut und geniesst und idealerweise sogar ein sanftes Nickerchen einlegt. Dialektisch gesagt: In diesem Fall ist Winterwandern Nichtwinterwandern. Im Übrigen ist da auch ein stimmiger Einkehrort: die Rigidalhütte, ein Älplerstützpunkt, der bei gutem Wetter offen ist und einfache, gute Sachen bereithält.

Weit ist es nicht, bis man wieder auf Ristis landet, die reine Gehzeit dort hinab beträgt eine Stunde. Ich hatte Lust auf mehr, gab noch einmal zwei Stunden zu, lief via Spisboden und Bergli weiter nach Engelberg und fand auch das herrlich. Zum Schluss nun noch ein Tipp: Man stoppe im Dorf beim Kloster. Zu dessen Schaukäserei gehört nämlich ein kleiner - jawohl, kleiner! - Laden, wo es grossen Käse gibt.

Seit Jahrhunderten verdient das Kloster mit Käse Geld. Dazu ein Aperçu: Der deutsche Dichter der Romantik Clemens Brentano besuchte 1826 auf seiner Schweizreise den Abt von Engelberg, Eugen von Büren. Er bezeichnete diesen in seinem Reisetagebuch dann frech als «käsizirenden Prälaten».

Erstellt: 12.02.2009, 10:20 Uhr

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