Meinrad, die Sühudis und ein weinender Richter

Eine Wanderung von Einsiedeln, dem wichtigsten Wallfahrtsort der Schweiz, durch die Sumpfigkeit und Bröckeligkeit der Hänge nach Alpthal.

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Einsiedeln muss man gesehen haben, es ist ein Ort der Wunder, was schon damit beginnt, dass in dem abgelegenen Winkel 14'000 Menschen wohnen. Alles eine Folge der Religion. Der heilige Meinrad siedelte hier als Eremit. Räuber erschlugen ihn 861. Zwei Raben - später auf dem Einsiedler Wappen verewigt - sollen die Mörder nach Zürich verfolgt und Radau gemacht haben, bis diese gefangen genommen wurden.

Wo Meinrad war, entstand die Benediktinerabtei Unserer Lieben Frau im Finsteren Wald und darum herum ein Weiler. Heute ist Einsiedeln der wichtigste Wallfahrtsort der Schweiz und das Kloster ihr bedeutendster Barockbau. Dieses Ensemble ist spektakulär abgekoppelt und losgelöst vom nüchternen Businessprotestantismus am nahen Zürichsee; das urkatholische Einsiedeln ist eine Welt für sich. Inklusive der Anarchofasnacht: Da gibt es die Sühudis, die am Rosenmontag umgehen, mit Larvenfratzen voller Warzen, Beulen, Geschwüre. Spezialität der Sühudis ist es, heimische Umzugszuschauer halb zu umschmeicheln, halb zu verhöhnen, «breuge» nennt man das Reden mit verstellter Stimme.

Pardon, ich bin abgeschweift, Einsiedeln eben - es bringt mich immer wieder zum Schwärmen. Man reise hin und sehe selbst, es empfiehlt sich ein Wochenende mit Übernachtung, Wallfahrer sei Dank ist eine rechte Hotellerie und Gastronomie vorhanden. Als flankierende Wanderung empfehle ich die Tour auf den Gschwändstock, 1616 Meter hoch.

Durch Sumpfigkeit und Bröckeligkeit der Hänge

Man ziehe so spät in der Saison aber nicht allein aus; man wäre im Fall eines Unfalls einsam dort oben. Lohnend ist die Unternehmung auf jeden Fall, die damit startet, dass man einen Kilometer auf der Strasse nach Alpthal geht, vorbei am Restaurant mit dem kreativen Namen «Melone». Danach biegt man links in die Auen, findet sich bald in sturmgeschädigtem Wald, steigt durch Gelände, das sich durch Sumpfigkeit und Bröckeligkeit der Hänge auszeichnet. Still und friedlich schliesslich das Zwischenziel, die Alp Chüeboden.

Der Gschwändstock ist dann weniger ein Gipfel als eine erhabene Waldlichtung. Oft sieht man auf ihr Rehe weiden. Die Poesie verfliegt hernach im schwierigen Abschnitt hinab zur Butziflue. Der Hang, in dem umgestürzte Tannen den Pfad blockieren, ist eine unangenehme Sache. Während man die liegenden Stämme umgeht, muss man aufpassen, nicht vom Weg abzukommen. Weiter unten wird alles einfacher, eine lange Passage führt durch eine Schneise so schnurgerade, dass man sich fragt: Gab es hier früher einen Skilift? Schliesslich das letzte Stück: nach Alpthal entlang dem verbauten Butzibach, der in monströsen Geschiebeablagerungen sein Potenzial zur Bösartigkeit andeutet.

Alpthal, per Bus mit Einsiedeln verbunden, besitzt ein altehrwürdiges Schulhaus, das mit Sinnsprüchen und Wappen über und über bemalt ist. Die einzige Wirtschaft liegt weiter oben. Das Alpschloss zum Pfauen ist keine ordinäre Dorfbeiz, sondern ein Gesamtkunstwerk, das mit gehobenem Trödel geschmackvoll dekoriert ist. Hier sind wir übrigens an der Jakobsroute; und wer nicht im grossen Klosterort nächtigen will, hat hier eine Alternative. Die Wirtin erzählt einem eventuell auch die eine oder andere Pilgeranekdote. Jene etwa vom - wenn ich mich recht entsinne - norddeutschen Richter, der im Biswind weinend unterwegs war und dann in der Wärme erzählte, er zermartere sich den Kopf mit der Frage, ob er wirklich in all seinen Fällen richtig geurteilt habe. Diese Art von Selbstquälerei ist nun freilich nicht der Wanderstil, der mir vorschwebt.

TA-Redaktor Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung vor. Seine Bücher gibt es im Echtzeit-Verlag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2009, 09:03 Uhr

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