Optimismus à la Unterstammheim

Die Kartause Ittingen enttäuscht mich. Auf dem Gelände ist, bis Ostern, eine Umgestaltung im Gang, Baumaterial und Baumaschinen beeinträchtigen die Würde des Ortes.

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An sich wäre das eine Bilderbuchanlage: An einen Waldrand sich schmiegend, ballen sich auf einem Höhenzug über der Thur Gebäude aller Art, Kirche und Mönchszellen, aber auch Kuhställe, Gärtnerei- und Kelterräume. Eine ganzheitliche Sache: Beten und Bauern in einem. Freilich, die Kartäuser, die das Kloster 1461 den Augustinern abkauften, sind nicht mehr da. Ein weltlicher Hotel-Restaurant-Seminarzentrum-Museum-PflegheimGutsbetrieb-Laden-Mix ist an die Stelle der einstigen Ordensherrlichkeit getreten.

Der Bus hat uns vier Wanderfreunde vom Bahnhof Frauenfeld hinaufgeführt in zehn Minuten. Mit dabei ist zudem Emil-der-Hund. Er könnte die Hauptperson des Tages sein, indem unser Ziel das Stammertal ist. In Oberstammheim nämlich wurde Emil im Sommer 2003 geboren. Dies ist also, theoretisch, eine Wanderung zu Emils Wurzeln. Doch Freund Hürzis Jack-Russell-Terrier tollt dann sorglos durch die Thurgauer Felder, als sei diese Geh-Unternehmung banal.

Nicht einmal eine Stunde nach der Kartause entdecken wir im Weinweilerchen Iselisberg die Wirtschaft Zur Aussicht. Wir machen Pause, bestellen Kaffee respektive Cola. Stefan ordert dazu, weil Metzgete ist, eine Blutwurst. Mich schaudert, denn ich hasse Blutwürste; die Haut ist schlammgrün, der gestockte Inhalt ergiesst sich in den Teller wie, wie, wie - ich mag es gar nicht ergründen. Stefan allerdings, ein Blutwurst-Connaisseur und -Liebhaber, ist begeistert. Zum Mitnehmen kaufen wir selbst gebrannten Schnaps vom Bauer Wiesmann, der draussen auf dem Gang feilgeboten wird. Ich entscheide mich für einmal Birne und einmal Quitte. Die schmucken Flaschen sind optimale Mitbringsel für Einladungen.

Alles ist schön an diesem Tag des sich andeutenden Frühlings: die Rebhänge, die Bauernhöfe, die Aussicht hinab zur schnurgerade ihre Bahn ziehenden Thur und hinüber zum Alpstein; aber auch die noch halb vereisten Biotope und endlich der Minisee kurz vor Wilen bei Neunforn, das übrigens laut Hürzi «Nüfere» ausgesprochen wird. Dem klammen Boden zum Trotz packen am See ein paar Leute gerade ihre Grillwaren aus und machen sich ans Anfeuern.

Wir aber betreten den Nordostzipfel des Kantons Zürich und halten hinüber nach Waltalingen. Dessen Ortskern überliefert in der Gedrängtheit seiner Häuser eine Ahnung vom mittelalterlichen Leben. Oben auf Schloss Schwandegg dichtete einst Salomon Gessner an seinen Idyllen. Doch das ist Vergangenheit, wie das Gemäuer auch keine Ritter mehr beherbergt, sondern ein gediegenes Restaurant.

Durch ein weites Ried - die Haselzötteli sind der Albtraum des Allergikers - halten wir auf den Bahnhof Stammheim zu. Es würde wohl nichts bringen, Emils Geburtsstätte aufzusuchen, ist uns klar, Emil lebt nun einmal ganz in der Gegenwart und würde der Visite nicht viel abgewinnen. Am Bahnhof ist somit eigentlich Endstation. Doch wir beschliessen einen Abstecher ins Dorf Unterstammheim. Wieder waltet, wie in Waltalingen, eine putzige Riegelbauten-Ästhetik, dass man denkt: Hierhin müsste man die japanischen Touristen einmal führen!

Beim Schlusstrunk im «Adler» reden wir belustigt über das, was wir nebenan vor der Bäckerei-Konditorei Ammann auf einem Schild gelesen haben - und in der Zeitung hat es auch gestanden. Nämlich: Ammann tauscht UBS-Aktien gegen Backwarengutscheine von 15 Franken.Der Wirtschaftsjournalist unter uns weiss den Tageskurs der UBS-Aktie: deutlich unter 11 Franken. Im Weinland leben offensichtlich Leute, die an die Zukunft der Schweizer Finanzbranche glauben. Es ist eine Optimistengegend.

Gehzeit: dreieinhalb Stunden, minime Höhendifferenzen. Einkehr: Restaurant Zur Aussicht in Iselisberg (Di/Mi geschlossen).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2009, 12:42 Uhr

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