Schneefloh und fliegender Hirsch

Die Winterwanderung im oberen Toggenburg wird anders als geplant. Doch der CEO des Wandertrupps «Fähnlein Fieselschweif» improvisiert grandios. Am Ende trifft man sogar noch auf eine bemerkenswerte Kreatur.

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Im Leben jedes Wanderleiters kommt früher oder später der Tag, an dem etwas nicht klappt. Die Meute im Rücken, steht er da und überlegt fieberhaft: was jetzt? Und hinter ihm murrt es und grummelt es und knurrt es.

So ist es kürzlich auch mir geschehen, dem Gründer, Künstlerischen Direktor und CEO des kleinen, doch feinen Wandertrupps «Fähnlein Fieselschweif». Fünf Jahre ging alles gut, nie war eine Wirtschaft zu, eine Sesselbahn stillgelegt, ein Weg verschüttet, wenn ich eingeladen hatte.

Der Künstlerische Direktor wird wütend

Und dann, ja dann reisten wir es war vor bald drei Wochen am Samstag nach Wildhaus. An den vorhergegangenen Tagen hatte es geschneit. Schlau, wie ich bin, fragte ich am Freitag beim Skihaus Gamperfin, unserem Ziel, telefonisch an: Habt ihr morgen offen? Trotz dem Hudel?

Ja, hiess es. Und tatsächlich war das dann an unserem Samstag auch nicht das Problem. Das Problem war vielmehr der Weg. Irgendein Pistenschlufi in Wildhaus-Oberdorf, das wir mit dem Sessellift erreichten, hatte ihn an diesem Morgen noch nicht geräumt. Ich wurde sehr wütend.

Das mit dem Pistenschlufi ist unfair. Im Internet bei Toggenburg-Tourismus steht zur Winterwanderung Oberdorf Gamperfin und retour klipp und klar: «Wird bei guten Verhältnissen präpariert.» Und in der Tat waren die Verhältnisse an diesem Samstag insofern schlecht, als es eben in der Nacht wild geschneit hatte. Die Skipisten waren bereits wiederhergestellt. Aber unser Weg noch nicht. Hätten wir doch nur jene Schneeschuhe dabei gehabt, mit denen man jederzeit nach Gamperfin kommt!

Der Plan B geht auf

Düpiert stand ich mit meiner Schar ohne Plan in der Landschaft. Ich musste improvisieren. Statt nach Südosten zogen wir nach Westen los und um es vorwegzunehmen: Wir sind zu einer guten Winterwanderung gekommen. Aber ich war in meiner fachlichen Ehre gekränkt worden; ich werde das nur gutmachen können, indem ich in den nächsten Jahren untadelige Organisationsarbeit leiste. Ein solcher Patzer soll und darf mir nicht ein zweites Mal passieren.

Die Ersatzroute brachte uns auf einem Alpsträsschen über den Hang zu den Schwendiseen, einem Schulreiseziel. Sie waren reizend: eisbedeckt und schneeverschüttet und daher eher durch das Riedgras am Ufer skizziert als selber sichtbar. Wir umrundeten sie, das war märchenhaft. Stege halfen über die versumpften Partien. Dann ging es aufwärts, nach Iltios, der Standseilbahn-Bergstation über Unterwasser, dem Simi-Ammann-Dorf. Dort assen wir; mein Toggiburger war fein, die Pommes frites freilich übersalzen und überwürzt; wiederum war aber die Bedienung erfreulich vif. Hernach hielten wir durch den Wald auf dem berühmten Klangweg hinüber zur Alp Sellamatt. Ich blies in ein Metallrohr, das da installiert war. Ob das Fieberbläschen an der Oberlippe zwei Tage später davon herrührte?

Die Kreatur mit dem Frostschutzmittel

Alsbald erblickten wir zu unseren Füssen Winzlinge, millimeterklein. Das seien Schneeflöhe, instruierte uns Wanderfreundin Liliane. Interessant. Es handelt sich um eine bemerkenswert anpassungsfähige Kreatur. Der Schneefloh nährt sich von Algen, Pilzen und dergleichen. Und er adaptiert aus seiner Nahrung ein pflanzliches Frostschutzmittel, sodass er im Schnee leben kann, ohne zu gefrieren. Das käme uns auch zupass, sinnierte ich, als wir einige Zeit später von der Sellamatt per Gondel nach Alt St. Johann niederfuhren; es war ja doch ein kalter Tag. Bei der Talstation kehrten wir in der igluförmigen Halligalli-Après-Ski-Bar «No Name» ein. Peter bestellte den Drink Flying Hirsch: ein Glas Red Bull und, darin hineingestellt, ein Minifläschchen Jägermeister. Er fand ihn nicht besonders. Tauglicheres als solche Brachial-ware haben wir Menschen aber nun einmal nicht, um gegen den Frost anzuhalten. Der Schneefloh ist wesentlich besser dran.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch

Erstellt: 24.02.2010, 15:24 Uhr

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