Vereinapass statt Vereinatunnel

Über den Pass, nachdem ich so oft den Vereina-Bahntunnel genommen habe: Hier oben könnte man Tage verfaulenzen. Weiterwandern lohnt sich trotzdem.

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Ich möchte diese Kolumne mit einem Lob des Berghauses Vereina beginnen – und mit der dringenden Empfehlung, dass man dieses, auf nahezu 2000 Meter über Meer gelegen, besuche. Das ist gar nicht schwierig und auch allen Nichtwanderern möglich – von Klosters fährt ein Kleinbus hinauf.

Das Berghaus thront auf einem Hügelsporn. Die Ebene um es herum mit ihren flechtenbewachsene Felsen mutet nordisch an. Nahezu unberührt ist sie, man könnte hier einfach so einen Tag verfaulenzen: durchs Heidekraut schlendern, sich an einen Bach legen, Steine sammeln, die Berge betrachten. Gleichzeitig sind Speis und Trank allzeit nah, exakt so wünsche ich mir das Paradies!

Kein Wunder, kommt es an der alten Bahnhofstrasse in Klosters vor dem «Gotschna Sport» jeden Morgen zu einem Mini-Menschenauflauf. Im Sportgeschäft reserviert man einen Platz für den Berghaus-Bus, draussen fährt er vor. Als ich auf den Bus wartete, stand da auch eine Engländerin. Sie hatte zwei grosse, schlaffe Hunde dabei, die dann nicht einsteigen wollten. Der eine sei, erzählte die Frau einer anderen Frau, ein Rhodesian Ridgeback. Das klang edel, doch die Fellzeichnung dem Rückgrat entlang wirkte makaber, halb wie eine Wunde, halb wie ein Reissverschluss: Frankenstein als Hund.

Der Bus fuhr los. Das Tal der Landquart hinter Klosters mit dem Walserweiler Monbiel ist herrlich; winters spaziert man hier vorbei zur Alp Garfiun, einer Rustikalwirtschaft. Im Gebiet zwischen Garfiun und der Alp Novai sah es weniger erfreulich aus. Die Landquart, die sich in dieser Gegend aus Vereinabach und Verstanclabach bildet, wurde vor vier Jahren zum Monster. Die Gewalt des Hochwassers ist noch sichtbar: entwurzelte Bäume, Geschiebehaufen, abgerutschte Hänge.

Auf atemberaubend enger Strasse machte der Bus Höhe. Endlich das Berghaus. Ich kehrte für einmal nicht ein, sondern ging gleich los. Mein Ziel: der Vereinapass und das Unterengadin. Mit anderen Worten: oben durch wandern, nachdem ich so oft den Vereina-Bahntunnel genommen hatte, von Klosters nach Sagliains.

Die Route zum Vereinapass ist einfach. Man folgt den Wegweisern zum Flesspass, erreicht über eine kleine Steilstufe das idyllische Süsertal; Süs, so heisst Susch im Unterengadin auf Deutsch. Linkerhand hat man nun ein paar zackige Berge mit dem fantasievollen Namen «Unghürhörner».

Nach einem zweiten Aufstieg war ich schon fast beim Flesspass. Ich bog aber nicht rechts zu ihm ab, sondern ging weiter geradeaus, zum Vereinapass eben. Im kargen Gelände erblickte ich Schafe, stolperte fast über die Hütte des Schäfers. Sie war, soweit ich sah, eine Art Bunker: aus dem Boden ragende Rohre, ein schützengrabenartig zur Tür führender Einschnitt.

Jetzt kam der allerbeste Teil: Der Grund vor der Passhöhe auf 2585 Metern besteht aus Erde und Kies. Einige Felsblöcke stehen da wie die Monumentalstatuen auf der Osterinsel. Geradeaus erhebt sich die Wand des Piz Linard. Der Sagliainsgletscher schiebt sich von links ins Bild. Und ein Seelein rundet das Ensemble ab.

Hier rasten, die Spiegelung der Berge im Wasser betrachten, hinab ins Sagliainstal linsen – ich wollte nicht mehr weiterziehen. Tat es natürlich doch. Endlos fiel der Abstieg aus, führte immer dem Bach nach, der in den Flachpartien dazwischen immer neue Verzweigungen seiner selbst anrichtete. Eine heikle Hangstelle drei, vier Meter über dem Bach meisterte ich dank einem netterweise montierten Metalltritt gut. Endlich war ich unten im Tal und stand über dem Tunnelportal von Sagliains. Und 45 Minuten später war meine Wanderung in Lavin zu Ende. Dort realisierte ich, dass mich die Route bereichert hat: Ich werde nie mehr durch den Vereinatunnel fahren, ohne daran zu denken, wie viel Schönheit es über ihm gibt.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.

Erstellt: 17.09.2009, 12:05 Uhr

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