Verwirrung ums Wasserschloss

Eine topmoderne Spinnerei und eine riesige Terrasse waren nur zwei der vielen Highlights bei der Wanderung von Brugg nach Baden.

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Ohne Karte zog ich gegen elf Uhr mittags vom Bahnhof Brugg los - einfach mal schauen, dies war mein ganzer Plan. Das erste, was mir auffiel, war auf dem Weg zur Altstadt das Stadthaus im Rokoko-Dekor; es wird oft auch «Palais Frölich» genannt.

Der «Engländer»

Johann Jakob Frölich, geboren 1699, gestorben 1774, war Diplomat und überhaupt ein weltgewandter und weitgereister Mann. In Brugg nannten sie ihn den «Engländer». Er hatte als Privatsekretär eines adeligen Briten gearbeitet, einer äusserst wirksamen Persönlichkeit: John Montagu, vierter Earl of Sandwich, hat ebendieses Sandwich erfunden. Und zwar, um das Kartenspiel, dem er verfallen war, nicht durch Esspausen unterbrechen zu müssen.

Die Altstadt durchquerte ich speditiv; ich kenne sie schon. Wer sie aber nicht kennt, sehe sie sich an. Sie ist imposant; dies war die Stammbasis der Habsburger, bevor sie sich auf ihre österreichischen Besitzungen verlagerten. Und auch empfehlenswert: das Vindonissa-Museum, das der römischen Wurzeln dieser Gegend gedenkt.

Eine riesige Spinnerei in Windisch

Dem Südufer entlang ging, nein: schlenderte ich Aare-abwärts. Ich befand mich nun, so besagte ein Schild, auf dem «Industriekulturpfad Limmat-Wasserschloss». In Bruggs Nachbarort Windisch erblickte ich zwei zusammengehörige Riesengebäude. Was ich zuerst für ein Spital hielt, war in Wahrheit eine der grössten und modernsten Spinnereien Europas: 1828 erstellt, wurden die Zwillingsfabriken durch einen eigenen Wasserkanal versorgt. Ersonnen hatte das und noch vieles mehr der Textilpionier Heinrich Kunz.

Ich überquerte den Fluss, übrigens nicht die Aare, die ich doch nur für einige Minuten aus den Augen gelassen hatte - nein, dies war jetzt verwirrlicherweise die Reuss. Gewässertechnisch handelt es sich um eine komplizierte Gegend, hier kommt einiges zusammen. Ganz in der Nähe vereinigen sich die genannten Flüsse wiederum mit einem dritten, der Limmat. Man nennt das «Wasserschloss», und Nicht-Aargauer finden es unübersichtlichlich.

Ein Abstecher zur «Bruderhöli»

Im Restaurant Cherne zu Gebenstorf rastete ich zur Halbzeit und lauschte einer Gruppe älterer Frauen, die sich über einem Kaffee schmutzige Witze erzählten. Hernach begann, inspiriert durch die Wegweiser vor Ort, der zweite Teil meiner Unternehmung. Ich erklomm die 513 Meter des Gebenstorfer Horns. Die Minimühsal lohnte sich. Von der Aussichtsplattform hatte ich Sicht auf das Wasserschloss. Erhaben, wie sich die Ströme vereinen! Und wohlgeformte Hügel stehen rundum: Bruggerberg, Geissberg, Ifluh!

Ein Abstecher brachte mich im folgenden zur «Bruderhöli», einer Nagelfluh-Ausbuchtung; ich nehme an, dass in ihr ein Eremit hauste. Auf breiten Waldwegen spazierte ich dann auf dem Hügelrücken Richtung Baden. Es kam die nächste Überraschung: die Baldegg, von der ich noch nie gehört habe. Für die Badener ist das Ausflugsrestaurant mit seiner riesigen Terrasse offenbar ein Freizeitstandard. Im 19. Jahrhundert war es, las ich, ein Kurgästespass, sich von Baden per Esel hinauftragen zu lassen.

Im Dunkeln die Wendeltreppe hinab

Ich kehrte nicht ein, da ich es in Gebenstorf schon getan hatte. Dafür bestieg ich den nahen Aussichtsturm, den «Wasserturm». Im Abstieg hatte ich ein gespenstisches Erlebnis. Der Mittelteil des Betondings hat keine Fenster, und als ich mittendrin war, ging das Licht aus. Der Akku meines iPhones wiederum war, was er eigentlich permanent ist: komplett leer. Im Dunkeln tappte ich die Wendeltreppe hinunter.

So war Wandern auch diesmal ein Abenteuer. Zum Schluss besuchte ich die Ruine Stein direkt über Baden. Sie ist ein Adlernest, dass einem der Atem stockt. Hier hockten habsburgische Landvögte, bis die Eidgenossen sie, neuzeitlich gesagt, wegmobbten. Gemein auch, dass die stolze Festung später als Steinbruch herhalten und Badens reformierte Kirche mit Baumaterial alimentieren musste.

Leseraktion: Widmers neues Wanderbuch für 30 statt 34 Franken porto- und spesenfrei auf www.echtzeit.ch/tages-anzeiger.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2010, 11:49 Uhr

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