Vier Stunden elementare Gotthelfness

Im Emmental findet man Bäuerlichkeit und viele Kühe, schönes Wald- und Wiesenland und Orte, wo ein Italowestern spielen könnte.

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Der 1. August 2009 war ein prachtvoller Sommertag. Im Nachhinein, inmitten des Gsüchti-Nebels, wird mir wind und weh, wenn ich an den Landstrich denke, den wir durchzogen: Wie alles in Frucht stand und blühte, wie es aus den Feldern summte und duftete.

In Walkringen starteten wir, und ich sinnierte: diese Riesenhöfe mit den Dächern bis zum Boden, dieser Drang der Landschaft zu immer neuen Hügeln und Krachen, diese allumfassende Bäuerlichkeit und Gegenwart der Kuh, das ist Emmental pur! Eine elementare Gotthelfness waltete über der Gegend und machte mir Eindruck.

Wir stiegen also von Walkringen empor Richtung Nünhaupt. Schauten auf das unter uns kleiner werdende Dorf und seine spätgotisch geprägte Kirche. Erspähten am Gegenhang das Rüttihubelbad, dem die Leute zwei Jahrhunderte lang zustrebten, ihre brestenhaften Gliedmassen dem heilenden Wasser anzuvertrauen. Ebenfalls tat es uns die Fläche des Walkringenmooses an; ich hatte zuvor mit Interesse gelesen, dass dort noch im 16. Jahrhundert ein See sich erstreckte, der allmählich austrocknete, bis ihm die Einheimischen zugunsten der Landwirtschaft den Rest gaben.

Der Neid eines 98-Jährigen

Auf der Geländeterrasse über dem Dorf trafen wir vor seinem Haus einen alten Mann. Er sei 98, sagte er, sei der älteste Walkringer; aber eben, mit dem Gehen klappe es nicht mehr so – wie er uns Junge beneide um unsere Wandertauglichkeit!

Die nächsten anderthalb Stunden führten uns via Tanne und Geissrügg zur Moosegg. Es ist dazu nicht mehr zu sagen, als dass wir schönes Wald- und Wiesenland durchmassen. Von Anfang an hatten wir dabei den Gurten, den Ulmizberg und den Bantiger vor Augen, bald auch die Stockhornkette, nun kamen die berühmten Riesen hinzu: Eiger, Mönch, Jungfrau und all die anderen Horizontklassiker.

Mit Glück nur fanden wir auf der Moosegg in der Gartenwirtschaft des Restaurants Waldhäusern Platz. Es war ja doch Nationalfeiertag. Das Gros der Plätze sei einer Cargesellschaft zugedacht, bedeutete uns die Serviererin. Rund um das wie gelaubsägelt in einer Forstlichtung stehende Haus wuselte es von Wanderern, Velo-, Töff-, Autofahrern. Wir hätten uns den Ort etwas mehr so gewünscht wie auf dem Tischset, auf dem er in Bleistift oder Kohle gezeichnet war: tannenumstanden, abseitig, Waldhäusern eben. Doch war die Bedienung freundlich und fix im Stress, und mein Rahmschnitzel samt einem Lagerbier Galopper der Brauerei Egger Worb mundete.

Hier könnte ein Italowestern spielen

Gerade darum komme ich auf die Route zurück, empfehle sie für den Spätnovember. Das Waldhäusern stellt gute Speisen und ein Panorama bereit. Es wäre aber angenehm, wenn man beides in etwas mehr Ruhe geniessen könnte, als wir sie hatten – sicher ist das dieser Tage der Fall.

Der Rest war mehr als ein Rest. Der beste Teil der Wanderung kam erst. Statt auf breiten Wegen und Natursträsschen gingen wir auf einem schmalen Pfad durch verwunschenen Wald. Unten, nah der Emmenmatt dann, verharrten wir bei einem Ensemble von Bauernhäusern, Stöckli, gepflegten Gärten, die im Zusammenspiel anmuteten wie ein Freilichtmuseum. Kurz darauf langten wir bei der Station Emmenmatt an, die für sich liegt, und waren uns einig: Hier könnte ein Italowestern spielen. Ein bärtiger Killer im Staubmantel lungert bei den Geleisen herum, Zigarillo im Mund, und nun kommt der Zug, und seine Kumpane steigen aus, und zu fünft machen sie sich auf, den Sheriff of Emmenmatt zu stellen und zu töten.

Tut mir leid, wenn meine Fantasie durchgeht. Aber letztlich versteckt sich dahinter ein Kompliment an die Landschaft Emmental. Sie löst in mir immer starke Bilder aus.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2009, 10:04 Uhr

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