Wandern mit Widmer: Heute gehts auf den Regelstein

Die Legende der Zürcher Stadtheiligen bezauberte auch die St. Galler. Uns fasziniert dafür der Bergrücken vor der Alp Egg: Man möchte loslaufen, immer schneller werden, wegfedern.

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Die Route von Ricken auf den Regelstein und hinab nach Gommiswald ist an sich pure Freude. Als wir sie unter die Füsse nehmen, irritiert uns allerdings, dass die Einheimischen, die wir treffen, nicht vom «Regelstein» sprechen, wie er auf der Karte und den Wegweisern heisst. Sie sagen «Regulastein».

Zum Beispiel der gesprächige ältere Herr mit Farbtopf und Pinsel im Steilwald ob Ricken. Er ist daran, die gelben Wandersignaturen zu erneuern, und kündigt uns an, es liege noch ein Rest Schnee unterhalb des «Regulasteins».

Tatsächlich? Dabei ist der Aussichtspunkt mit 1315 Meter über Meer gar nicht besonders hoch. Nun, es war ein strenger Winter.

Aber was gilt jetzt: «Regelstein» oder «Regulastein»? Zu Hause ziehe ich das Historische Lexikon der Schweiz zu Rate. «Regelstein» ist korrekt. «Regulastein» ist eine nachgeschobene Christianisierung. Im Spätmittelalter liess man sich auch im St.- Gallischen von den Legenden um das Zürcher Stadtheiligenpaar Felix und Regula bezaubern. Man wünschte sich, dass der Regelstein in den frommen Stoff eingebunden wäre, nannte ihn daher «Regulastein» und errichtete auf ihm eine Felix- und Regula-Kapelle.

Sie wurde 1676 wieder abgebaut. Die Kuppe, die wir nach einem schweisstreibenden Zwei-Stunden-Aufstieg durch den Wald – sehr hart das lehmige Intermezzo – erreichen, ist daher leer. Sie taugt zum Rastplatz umso mehr, als die Aussicht vom Feinsten ist: Man sieht auf die Churfirsten und den Alpstein, über die Hügelwelt Ausserrhodens ins Österreichische, zum nahen Speer und Federispitz.

Danach folgt das Filetstück der Route: Sanft abwärts spazieren wir zur Alp Egg auf einem langen Bergrücken, der an ein Sprungbrett gemahnt. Man möchte loslaufen, immer schneller werden, wegfedern – und würde nach einem erfrischenden Flug in den Zürich-, genauer Obersee, eintauchen, dessen Blau bestechend rein wirkt.

Wir tun es dann doch nicht. Dafür landen wir auf der Alp Egg in der gleichnamigen Wirtschaft. Sie ist ein Etablissement, an dem alles geräumig ist: die Stube, der glasgeschützte, wintergartenartige Halbaussenraum, die Terrasse. Einen Kinderspielplatz gibt es auch. Wir bestellen typische «Ich-bin-gelaufen-jetzt-will-ich-etwas-Rechtes»-Dinge wie Wurstspiessli mit Pommes frites und nehmen als Beilagen den See und die Berge.

Als sinistre Winde aufkommen, brechen wir auf; das könnte ein Gewitter werden. Wir halten hinab in die Geländerinne zur Linken. Dort kann man im «Klosterberg» wieder einkehren; überhaupt wimmelt es in diesem Zwischenreich zwischen Obersee, Thurtal und Speerkette von Wirtschaften und Wirtschäftlein.

Apropos «Zwischenreich»: Wie heisst eigentlich die Region? «Sie, sind wir hier im Toggenburg?», frage ich einen Bauern. Er wehrt entsetzt ab: Nein, sicher nicht! Dies sei Boden der Gemeinde Gommiswald, wir seien im Linthgebiet und keineswegs im Toggenburg.

So ist auch diese Namensfrage geklärt. Beim Klosterberg nehmen wir nun nicht das Direktsträsschen nach Gommiswald, sondern traversieren übers Bachtobel auf die andere Hanghälfte. Jener Weg verspricht mehr Natur. Und die dunklen Wolken haben sich verzogen.

Der Wanderbericht müsste nun in Minne enden. Leider ist es aber so, dass mein seit vier Jahren aktiver Wanderklub «Fähnlein Fieselschweif» an diesem Samstag seinen ersten Unfall zu verzeichnen hat. Eine Klubkollegin (wer, gehört zu den Interna und bleibt geheim) hat sich nach der Alp Egg den Fuss «vertrampt». Das wirkt im Moment unspektakulär, sie kann den Rest des Weges einigermassen gehen, doch unten in Gommiswald kommt der Schmerz heftig. In Zürich stellt sich heraus: Bänderzerrung.

Oh weh. Just zur anlaufenden Wanderhauptsaison so ein Malheur – das ist hart. Ich wünsche dir, liebe Fieselschweif-Freundin, eine gute und schnelle Besserung!

Erstellt: 28.05.2009, 10:29 Uhr

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