Wie ich vor dem 1. Mai durch drei Kantone floh

Auf der Flucht vor den Linksautonomen fuhr ich ins Kantone-Eck Aargau, Baselland und Solothurn. Der Jura ist eine beruhigende Gegenwelt zum Mittelland-Alltag.

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Am 1. Mai evakuierte ich mich um neun Uhr morgens aus Zürich. Ich wohne im Kreis vier, wo es dann jeweils zu den Unruhen kommt, das ist immer unerfreulich. Als ich bei der Sihlpost in die hintere Bahnhofsunterführung hinabstieg, kreuzte ich auf der Treppe ein Dutzend präpubertäre Punks und linksautonome Teenager. Die meisten in dem Trupp hatten ihre Bierflaschen bereits geleert. In ihrer belämmerten Vorfreude auf Krawall erinnerten sie mich leicht an Kindersoldaten.

Meine Ausweichwanderung startete fünf Viertelstunden später bei der Klinik Barmelweid in den bewaldeten Höhen oberhalb Aaraus. Erreichbar per Bus vom Aarauer Bahnhof, hat sich die Barmelweid unter dem Motto «Gepflegt gesund werden» auf Lungen-, Schlaf- und auch Herzprobleme spezialisiert. Knapp noch liegt dieses Stück nicht mehr ganz taufrische Spital-Architektur, im Aargauischen. Später marschiert man im Basel-Landschaftlichen und im Solothurnischen, sodass bis Hauenstein eine Dreikantone-Wanderung resultiert.

Die Einheit der Materie ist auf der Route trotzdem gegeben, in Gestalt des Juras. Ich genoss ihn während der knapp vier Gehstunden in allen Facetten: scharfe Grate; Waldboden, übersät von Kalkbrocken; jähe Aussichtspunkte dort, wo der Fels abreisst (imposant die Rohrerplatte). Anderseits waren da sanfte Hügelkuppen, Weideflächen voller Löwenzahn, grasende Kühe und Schafe und eine grosszügige Portion Fernblick. Der Jura ist eine wirksam die Seele beruhigende Gegenwelt zum Mittelland-Alltag.

Der Weg führte zuerst hinauf zur Geissflue. Dann wieder hinab zur Schafmatt, wo das gleichnamige Berghaus sich in einen Winkel duckt. Es war allerdings nicht geöffnet. Ich zog weiter, gelangte über Bergmatte und Burggraben zur Froburg. Daselbst gibt es ein Restaurant, das von weitem gar nicht als solches erkennbar ist. Denn wenn man von oben kommt, erblickt man als Erstes den zugehörigen Bauernhof. Und man erblickt ein eher strenges Gebäude.

Wie mir ein Schild darlegte, handelt es sich um das «Kompetenzzentrum» des Verbandes schweizerischer Hafner- und Plattengeschäfte. Ich frohlockte, als ich das las: Sicher würde ich im Restaurant gegenüber dem bösen Rapper 50 Cent begegnen oder von mir aus auch irgendeiner schnellen Gitarrenband à la The Strokes oder Franz Ferdinand, die hier in der Abgeschiedenheit gerade eine Platte produzierte. Oder noch lieber Katie Melua.

Nun, das ist natürlich ein mit dem Simpeltum kokettierender Witz. Mir war sofort klar, dass mit «Plattengeschäft» Plättlileger gemeint sind. Und Hafner, das sind doch... Jawohl, Hafner bauen Öfen.

Das Restaurant Froburg hat eine grosszügige Terrasse. Ich ruhte und genoss. Das Essen – Kalbsbraten mit Morchelsauce, Nüdeli und Gemüse – war dann so fein, dass ich es zwecks Erinnerung gleich fotografierte. Nebenbei rief mir der Teller vor mir wieder einmal eine meiner Langzeitfragen ans Leben in Erinnerung: Wer hat eigentlich wann die Küchengewohnheit begründet, grüne Bohnen exakt auf die gleiche Länge zu stutzen und dann mit Speck zu umwickeln?

Dies Problem wälzend, absolvierte ich den Rest der reizenden Jurawanderung, indem ich hinab ins nahe Hauenstein hielt. Dort kehrte ich im Löwen, den eine Therapie-WG führt, erneut ein. Dann fuhr ich mit dem Bus nach Olten und nahm den Zug nach Zürich.

Als ich in Zürich in meine Strasse einbog, hörte ich Sprechchöre. Und dramatisch gellende Polizeisirenen. Es war mir ziemlich egal. Ich hatte mir zu diesem Tag andere Bilder verschafft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2009, 09:16 Uhr

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