Wildhauser Strapazen

Der Schafberg hat es in sich: Er ist nicht nur Protzklotz und Drama zugleich, sondern mit dem öffentlichen Verkehr auch äusserst mühsam erreichbar.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letztlich handelt es sich um ein Luxusproblem. Trotzdem, ich muss und will in dieser Kolumne kurz mal jammern und nörgeln.

Also: Die Fahrt von Zürich nach Wildhaus mit dem öffentlichen Verkehr ist mühsam. Bei der schnellsten Verbindung muss man in weniger als zwei Stunden dreimal umsteigen, und gemütlich geht es dabei nicht zu. An schönen Tagen herrscht Gedränge, Geschiebe, Gewürge. Hat man nicht schon auf den überfüllten Perrons von Rapperswil und Wattwil schlechte Laune gekriegt, kriegt man sie spätestens in Nesslau-Neu St. Johann. Der Doppelstöckerbus ist in der Regel pumpenvoll.

So etwas ist Stress. Um ihn zu vermeiden, schlagen einige der Wanderer, die ich kenne, einen Bogen um das obere Toggenburg. Dabei gibt es dort die allerschönsten Berge wie zum Beispiel den Wildhauser Schafberg.

Von ihm wird gleich die Rede sein. Zuerst aber noch eine Bitte: Könntet ihr euch nicht, liebe Toggenburg-Touristiker, etwas einfallen lassen? Ein Direktbus Zürich – Wildhaus etwa würde garantiert ein Hit.

Unerwartete Reiseroute

Ich und Wanderfreund Stefan nahmen die strapaziöse Reise tapfer auf uns. Bei der Bushaltestelle Wildhaus-Lisighaus begann unser Schafberg-Abenteuer. Die Etappe hinauf zur Terrasse von Gamplüt war perfekt zum Einlaufen. Oben gibt es ein Restaurant, das ich mag. Man bekommt dort Toggenburger Schlorzifladen, einen Kuchen mit Birnenpüree. Wir Appenzeller haben ihn auch, nennen ihn aber prosaischer Bereflade.

Und jetzt – nun, jetzt ist es an der Zeit, etwas zu beichten. Wir wollten unten in Lisighaus gar nicht auf den Schafberg. Via Gamplüt und Zwinglipass nach Brülisau wollten wir. Doch auf Gamplüt narrte uns der Wegweiser. Wir stiegen in die Wand zur Linken, und als wir merkten, dass wir falsch gingen, Richtung Schafberg eben, waren wir schon zu weit oben, um umzukehren.

Und wieso nicht der Schafberg? Er ist immerhin, nach dem Säntis und dem Altmann, die Nummer drei des Alpsteins. Er ist ein Protzklotz. Er ist pures Drama. In seinen Wänden, unter der ungeheuren Gewalt der Alpenbildung gebogen, geborsten, gebrochen, ist eine monströse Dynamik auf immer sichtbar bewahrt.

Via Schäferhütte und Mietplätz stiegen wir höher, und es gab keinen Abschnitt, auf dem wir hätten aufschnaufen können; von A bis Z war der Weg steil. Endlich aber waren wir doch auf dem Gipfel. Es sind genaugenommen sogar zwei, getrennt durch ein Minicouloir; wir mussten ein paar Meter hinab, um ganz auf die Spitze zu gelangen, auf 2373 Meter.

Geschichtsträchtige Schafe

Respekt im Übrigen den Schafen, die eine beeindruckende Gebirgstüchtigkeit an den Tag legten, indem sie bis dicht unter den Gipfel weideten; nicht von ungefähr ist diese Erhebung nach ihnen benannt. Die Schafe am Schafberg gibt es seit Urzeiten, es ranken sich um sie Geschichten wie etwa jene, dass in den extremen Elendsjahren 1816 und 1817 viele Bauern ihre Tiere vor der Zeit schlachten mussten. Schafdiebe gingen nämlich um, arme Leute, die der Hunger trieb.

Unser Abstieg war hernach noch abschüssiger. Wir wählten den Weg hinab zum Schafboden, mussten auf einer Passage die Hände zur Hilfe nehmen und wurden dabei aus der Fluh unterhalb des Moor erst noch von Murmeltieren ausgepfiffen. Den Abschluss der Wanderung machte das Flürentobel, dessen Grund mit grossen Brocken jenes Kalksteins übersät ist, der das dominierende Gestein des ganzen Alpsteins ist. Müde, ja erschöpft kamen wir in Wildhaus an. Auf der Terrasse des Restaurants Sonne gleich gegenüber der Post stärkten wir uns mit Wurst-Käse-Salat auf die letzte Herausforderung des Tages: die Heimfahrt mit Bus und Zug nach Zürich.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.

Erstellt: 20.08.2009, 14:10 Uhr

Kommentare

Blogs

Geldblog Ein Goldschatz für den Fall der Fälle
Mamablog Mein erstes Handy
Sweet Home Gut ist gut genug!

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...