Zwingli und ein Mann namens Boll

In fünf Etappen vom katholischen Innerrhoden in Zwinglis Heimat, das Toggenburg. Dabei passieren wir den Fälensee, einen der schönsten Bergseen der Schweiz.

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Ulrich Zwingli zu Ehren, geboren 1484 in Wildhaus, heisst der Übergang von Brülisau nach Wildhaus Zwinglipass. Aber ob der Reformator daran Freude hätte? Die Route führt zur Hälfte über appenzell-innerrhodisches Gebiet. Über katholisches Land. Doch lassen wir die konfessionelle Optik und halten wir lieber fest, dass dies ein selten abwechslungsreicher Weg ist.

Erste Etappe: Zum Plattenbödeli. Von Brülisau halten wir auf das Brüeltobel zu und linsen dabei nach rechts zu der gruseligen Felswand: Das Alp-Sigel-Seilbähnli, das sie meistert, stürzte letztes Jahr ab. Gott sei Dank hatte es Milchkannen geladen und nicht Menschen. Momentan ist ein Provisorium eingerichtet, Personen werden nicht befördert. Dann das steile Tobel. Im oberen Teil, dem Hexenwäldli, fallen Bonsaifichten auf, 100 Jahre alt, aber nicht grösser als ein sechsjähriges Kind. Forscher erklären das mit Permafrost. Der Untergrund ist eiskalt, weil durch die Blockschutthalde wie durch Air-Condition-Röhren ein starker Luftzug weht. Eine Sage schildert, dass an der Halde einst Zwerge wohnten. Als gierige Menschen ihren Goldschatz stehlen wollten, liessen sie Felsbrocken hageln. Oben beim Plattenbödeli ist der Zauber dann vorbei, sind wir wieder in der Realität, eine tolle Beiz lädt zur Einkehr.

Zweite Etappe: Zur Bollenwees. Gleich anschliessend passieren wir den Sämtisersee. Es folgt ein sanfter Aufstieg, und wir sind beim Fälensee, der in einem Rating der schönsten Schweizer Bergseen Siegeschancen hätte. Lang ist er, wird von wilden Fluhen gesäumt, kann in Minuten von Lieblichkeit in tiefe Düsternis fallen. Am besten geniesst man ihn vom Restaurant Bollenwees aus, an diesem Ort wurde schon 1800 Tee und Kaffee ausgeschenkt. Der Name geht nicht auf die Bollen (Steine) in den Wiesen zurück; vielmehr gehörte das Gelände einst einem Mann namens Boll.

Dritte Etappe: Zum Pass. Es kommt die Fälenalp, dann wird es richtig streng. Auf halber Höhe zum Zwinglipass fallen die drei schön renovierten Ställe der Häderen auf, in ihnen haben sich Heimatschutz, Denkmalpflege und andere Institutionen verewigt. Oberhalb der Häderen hat es viele Munggen; sie pfeifen Alarm und hoslen davon, dick befellt, wie sie sind. Im Karst der Passgegend finden sie ideal Unterschlupf: Der Kalkstein ist voller Schrunden, Schratten, Spalten. All das überblickt souverän die Zwinglihütte bei der Passhöhe; auf ihrer Terrasse unter dem mächtigen Altmann ist gut rasten und schauen.

Vierte Etappe: Ins Tesel-Tal. Es geht abwärts zur Chreialp - wieder sehr steil. Alljährlich gibt es übrigens einen Tag, da kommt einem von unten eine Ameisenkolonne schwer beladener Leute entgegen. «Hötte-Trägete» heisst das Benefiz-Ritual, die Zwinglihütte wird von der Chreialp her durch Freiwillige mit den nötigsten Waren versorgt. Weiter unten zeigt sich der Boden des Tesel-Tales, genial die Wegführung zu ihm hinab durch eine fast senkrechte Wand. Die Sonne bestrahlt diese Wand besonders intensiv, und der Kalk konserviert die Wärme wie ein Ofen, daher hat die Vegetation südliches Gepräge.

Fünfte Etappe: Auslaufen nach Wildhaus. Es gibt gegen Wanderende hin zwei Varianten: Entweder gehen wir hinüber nach Gamplüt und nutzen dort die Gondel des gleichnamigen Restaurants. Oder aber wir bewältigen auch noch die letzte Portion Gefälle zu Fuss. Nehmen wir den gestrengen Ulrich Zwingli zum Vorbild und sehen unsere Wanderung als Hommage an den grossen Mann, werden wir selbstverständlich diese protestantische Variante wählen.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch.

Erstellt: 08.10.2009, 11:33 Uhr

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