Eines Tages ist Jonas einfach nicht mehr nach Hause gekommen

Seine Eltern suchen ihn in der ganzen Stadt. Zwölf Tage später taucht der 16-Jährige wieder auf. Über eine Familie, die versucht, wieder zusammenzufinden.

Der Tag, an dem Jonas verschwindet, ist ein Dienstag: Ein Junge im Wald. Foto: Getty Images

Der Tag, an dem Jonas verschwindet, ist ein Dienstag: Ein Junge im Wald. Foto: Getty Images

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Ein Junge verschwindet. Mitten im Sommer. Er steigt am Morgen in die S-Bahn, aber er kommt nicht in der Schule an, und er kehrt auch am Abend nicht nach Hause zurück. Er ist 16 Jahre alt, sein Name ist Jonas (Name geändert), und er ist einfach weg. Seine Eltern suchen die ganze Stadt nach ihm ab, die ihnen mit ihren Strassen, Plätzen, Parks und rund um die Uhr geöffneten Clubs auf einmal sehr gross erscheint, aber sie finden ihn nicht. Zwölf Tage lang wissen sie nicht, wo ihr Sohn ist, wie es ihm geht und ob er überhaupt noch lebt, und auch die Polizei, die sie längst eingeschaltet haben, hat keinen Hinweis für sie. Da taucht ihr Sohn auf einmal wieder auf.

Warum ist er gegangen? Warum kam er zurück? Was war das Problem?

Und: Ist es jetzt gelöst?

Die Telefonnummer von Jonas' Eltern stand auf den Plakaten, mit denen sie nach ihm gesucht haben. Sie haben Tausende davon in der Stadt verteilt. Die Plakate waren an Haltestellen, Laternenpfählen und auf Hauswänden. «Wir vermissen unseren Sohn», war darauf zu lesen, darüber war das Foto eines zarten Jungen mit blondierten Haaren zu sehen.

«Ich hatte sicher nicht so viel Zeit für ihn, wie er das gebraucht hätte.»Der Vater

Jonas' Vater will das Gespräch draussen führen, damit er rauchen kann. Er ist Akademiker, Anfang 40, ein schmaler Mann, der seine Zigaretten selbst dreht.

«Ich würde schon sagen, dass Jonas sehr behütet aufgewachsen ist. Seine Mutter und ich waren acht Jahre zusammen, wir haben uns getrennt, als er fünf war. Ich habe damals ein eigenes Büro aufgebaut und ziemlich viel gearbeitet, ich hatte sicher nicht so viel Zeit für ihn, wie er das gebraucht hätte, was mir leid tat, weil ich immer ein gutes Verhältnis zu meinem Sohn haben wollte, anders als ich es zwischen meinem Vater und mir erlebt habe. Nach der Trennung haben seine Mutter und ich uns grosse Mühe gegeben, dass ihn das so wenig wie möglich belastet. Er hat bei jedem von uns ein Zimmer und ein Zuhause gehabt. Erst ist er jede Woche zwischen uns gependelt, später, als wir merkten, dass ihm das nicht guttut, dann alle drei Monate.»

Jonas' Vater hatte schnell in das Treffen eingewilligt. Er müsse nur seinen Sohn um Erlaubnis fragen, hatte er gesagt, und natürlich die Mutter informieren. Aber es war klar, dass er seine Zustimmung nicht davon abhängig macht, ob sie ebenfalls einwilligt. Genauso war klar, dass, selbst wenn sie zustimmt, er sich immer allein treffen würde. Es klang nach dem Alltag vieler getrennter Paare; man stimmt sich genauestens ab, um den anderen nicht zu verärgern, gleichzeitig ist man entschlossen, sich nichts von ihm diktieren zu lassen. Jonas' Mutter dagegen hatte lange gezögert, bis sie vorschlug, sich in einem Café zu treffen, das auf ihrem Weg liegt. Sie ist auch Akademikerin und wirkt ähnlich ernsthaft wie ihr früherer Mann, aber zugänglicher.

«Ich habe ihn gefragt, ob er Ärger hat, ob es ein Problem gibt, aber er hat nur gesagt: Nein, alles gut.»Der Vater

«Jonas ist ein eher verschlossenes Kind. Aber das begann erst mit der Einschulung, was auch der Zeitpunkt der Trennung war. Davor war er in einer kleinen Kita gewesen, jetzt kam er in eine grosse Grundschule. Ausserdem hatte er eine leichte Lese-Rechtschreib-Schwäche. Er hat eigentlich nur für die Pausen gelebt. Nach der Trennung habe ich noch eine Weile in der Nähe gewohnt, später bin ich an den Stadtrand gezogen, und wir haben eine Schule gefunden, die auf halbem Weg lag. Es ist eine Waldorfschule, wo sie mehr Wert auf das Handwerkliche legen. Trotzdem, es blieb schwierig, und sein Vater hat sich um Dinge wie Hausaufgaben wenig gekümmert. Wenn Jonas wieder bei mir war, musste ich alles mit ihm nacharbeiten. Das war sicher für uns beide frustrierend. Zwischenzeitlich wollte ich ihn deshalb ganz zu mir nehmen. Das wollte sein Vater nicht.»

Der Tag, an dem Jonas verschwindet, ist ein Dienstag. Es ist die Zeit, in der er gerade bei seinem Vater wohnt, der nach der Trennung wieder geheiratet hat und noch einmal Vater eines Jungen geworden ist. Der Kleine ist vier Jahre alt und fordert wie alle kleinen Kinder Aufmerksamkeit, während Jonas in einem Alter ist, in dem man ungern zugibt, dass man sich auch noch Aufmerksamkeit wünscht. Es ist für Vater und Sohn nicht leicht, Zeit für ein ruhiges Gespräch zu finden, aber nun sind sie ein paar Tage allein, der Rest der Familie ist im Urlaub, und weil Jonas in der Schule gerade ein Projekt hat, das ausserhalb der Stadt stattfindet, suchen sie am Sonntag heraus, wie er da hinkommt.

«Am Montag habe ich aus der Schule erfahren, dass Jonas gar nicht bei dem Projekt war. Abends hatten wir deshalb ein ernstes Gespräch. Ich habe ihn gefragt, ob er Ärger hat, ob es ein Problem gibt, aber er hat nur gesagt: Nein, alles gut. Dann ist er ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen hatte ich das Gefühl, die Sache zwischen uns wäre geklärt, trotzdem habe ich ihn noch persönlich in die S-Bahn gesetzt, was mir zeigt, dass ich misstrauisch war, sonst bringt man einen 16-Jährigen ja nicht zur Bahn. Er muss dann später noch einmal zurückgekommen sein und aus der Wohnung zwei Decken mitgenommen haben. Das habe ich erst später bemerkt. Aus dem Keller, wo das Campingzeug liegt, fehlte nichts.»

In der Kita war er ein ausgesprochen fröhliches Kind, aber dann nahm das ab.

Jonas' Eltern scheinen Eltern zu sein, wie sie sich ein Kind nur wünschen kann. Sie sind zugewandt, haben Verständnis, wollen ihm beistehen. Als hätten sie nach der Trennung noch bessere Eltern sein wollen, wo sie nun keine Familie mehr waren. Gleichzeitig erzählen beide von dem Gefühl, ihr Kind nur schwer erreichen zu können, ohne zu wissen, woran das liegt. Er ist zuverlässig, kommt abends zur verabredeten Zeit nach Hause. Aber obwohl sich seine Eltern um ein offenes Verhältnis bemühen, redet er wenig und macht viel mit sich allein aus. Eine Eigenschaft, in der sich sein Vater wiedererkennt, die für seine Mutter aber schwer zu akzeptieren ist.

«Wir haben ihm immer gesagt, egal, was ist, egal, welchen Ärger du in der Schule hast, erzähl uns davon, damit wir das aus der Welt schaffen können. Aber er hat immer Angst, in einen Konflikt zu geraten. Stattdessen sagt er lieber nichts, oder er hat Klausuren im Papierkorb verschwinden lassen, wenn es nicht mehr anders ging. Er konnte Konflikte nicht selbstständig lösen. Und wenn man nicht weiss, wie man das machen soll – wo will man da anfangen?»

Jonas' Mutter hat nach der Trennung nicht wieder geheiratet und auch kein weiteres Kind bekommen. Sie ist mit jemandem zusammen, lebt mit ihm aber nicht unter einem Dach. Ihre Hoffnung, dass ihr neuer Mann so etwas wie ein väterlicher Freund für Jonas werden könnte, jemand, mit dem er besprechen kann, was er mit seinem Vater nicht besprechen will, der einen Zugang zu ihm findet, den sie als Frau vielleicht nicht finden kann, erfüllte sich nicht. In den drei Monaten, in denen ihr Sohn bei ihr wohnt, ist sie ganz für ihn da. Während sie ihm bei der Schule immer wieder ihre Hilfe anbietet, will sein Vater ihm weniger abnehmen, auch wenn das bedeutet, dass sein Sohn mal einen Fehler macht. Es ist, als sähen sich beide Eltern in der Not, die Methode des jeweils anderen zu korrigieren.

Der Vater merkt schnell, dass die Beamten seinen Sohn nur für einen Ausreisser halten.

«Wenn es so etwas wie ein durchgängiges Thema zwischen Jonas' Mutter und mir gab, dann war das sein mangelndes Selbstbewusstsein. In der Kita war er ein ausgesprochen fröhliches Kind, aber dann nahm das ab. Seine Mutter hat versucht, das aufzufangen, indem sie ihn stärker umsorgt und behütet. Das war nicht meine Herangehensweise. Natürlich habe ich mir seine Schwierigkeiten auch mit der Trennung erklärt, doch darüber haben er und ich nie gesprochen. Einmal sass ich mit ihm am Tisch, und im Radio lief eine Reportage über Kinder, die erzählten, welche einschneidende Erfahrung die Trennung ihrer Eltern für sie war. Das regte ihn richtig auf. Das weiss ich noch. Er sagte, er verstehe gar nicht, was das solle, das sei doch vollkommen übertrieben.»

Als Jonas an jenem Dienstag gegen 22 Uhr noch nicht zu Hause ist und Klassenkameraden, die ihn zuerst decken wollen, schliesslich doch zugeben, dass er an diesem Tag auch nicht in der Schule war, meldet ihn sein Vater als vermisst. Die Polizei fährt einmal Streife um einen kleinen See, der in der Nähe seiner Wohnung liegt und an dem sich Jonas manchmal mit Freunden trifft, aber der Vater merkt schnell, dass die Beamten seinen Sohn nur für einen Ausreisser halten. Allein im vergangenen Jahr verschwanden in Deutschland 7000 Minderjährige, fast alle kehrten innerhalb von Tagen nach Hause zurück. Nur wenige von ihnen wurden nicht gefunden. Einen Waldorfschüler und Akademikersohn rechnen die Beamten eher nicht dazu.

Am darauffolgenden Tag erfahren die Eltern von der Schule, dass ihr Sohn bereits seit zwei Wochen nicht mehr zum Unterricht erschienen ist. Die Nachricht trifft sie, als würden sie ihr eigenes Kind nicht mehr kennen. Sie durchkämmen Parks, fragen Obdachlose und kleben jene Plakate, die bald in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Es melden sich Leute, die Jonas in Hamburg gesehen haben wollen, in Kassel, Köln oder Berlin. Andere rufen an, um zu sagen, dass auch ihr Kind schon einmal weggelaufen ist und sie mit ihnen fühlen.

Sie zieht ein paar Bücher aus dem See und einen Notizblock. Die Schrift ist verschwommen – aber es ist nicht die von Jonas.

Die Eltern tragen alle Hinweise in eine Excel-Tabelle ein und schicken jeden Tag eine aktualisierte Version an die Polizei, doch die will sie nicht haben. Anders als bei vermissten Kindern geht die Polizei bei Jugendlichen nicht davon aus, dass Gefahr für Leib und Leben besteht. Eine Handy­-Ortung lehnt sie aus Datenschutzgründen ab. Als sich die Telefongesellschaft auch noch weigert, den Eltern die Verbindungsdaten herauszugeben, knacken sie das Passwort und rufen nacheinander alle Nummern an, die Jonas zuletzt gewählt hat.

«Er hatte nur mit Freunden telefoniert, was mich beruhigt hat, es waren keine Fremden darunter. Von seinen Freunden haben wir dann erfahren, dass er sich in Abrisshäusern herumgetrieben hat, dass er Gras raucht und auch härtere Sachen ausprobiert hat. Das haben wir alles nicht gewusst. Da fragt man sich als Mutter natürlich: Was hast du alles nicht gesehen? Kannte man einander überhaupt wirklich? Ist mein Kind da in etwas hineingerutscht? Er ist doch keiner, der auf hartem Pflaster unterwegs ist.»

«Ich war erstaunt, wie gut meine Ex-Frau und ich noch als Team funktionieren. Als wir die Information mit dem Abrisshaus hatten, konnten wir bei der Polizei mehr Druck machen. Wir konnten sagen, es gebe Gefahr für Leib und Leben, obwohl ich inzwischen nicht mehr das Gefühl hatte, dass ein Unglück passiert war und sie meinen Sohn in irgendeiner blöden Situation finden. Ich habe mich eher gefragt: Ist er in der Natur? Ist er so selbstständig? Die Polizei hat dann das Abrisshaus durchsucht, aber nichts entdeckt. Selbst aktiv geworden ist die Polizei nie. Was ich verstehe. Die meisten Teenager kommen ja wieder. Irgendwann habe ich gedacht, wir haben alles getan, mehr können wir nicht tun. Darauf hat meine Ex-Frau nicht so gut reagiert. Sie war sehr dünnhäutig.»

«Manchmal habe ich mir gewünscht, wenigstens mit ihm streiten zu können.»Die Mutter

Einige Tage nach Jonas' Verschwinden bekommt seine Mutter einen Anruf von der Polizei. Eine ältere Frau hat gemeldet, dass in einem See in der Nähe Schulbücher und ein Rucksack schwimmen. Die Mutter bricht sofort auf, packt ein T-Shirt ein, für die Spürhunde, und fährt mit der Bahn eine Dreiviertelstunde zum See, in der sie fast wahnsinnig wird vor Angst. Am Ufer warten zwei Polizisten. Der Rucksack ähnelt dem von Jonas. Im Wasser schwimmen Hefter. Ein Angler leiht ihr die Gummistiefel. Sie zieht ein paar Bücher aus dem See und einen Notizblock. Die Schrift ist verschwommen – aber es ist nicht die von Jonas.

«Diese Ungewissheit, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt, die war schlimm. Manchmal habe ich mir gewünscht, wenigstens mit ihm streiten zu können. Es kann doch kein Problem so gross sein, dass man einfach wegläuft. Hatte er tatsächlich solche Angst vor uns?»

Am 13. Tag, einem Sonntag, meldet sich Jonas. Aber er ruft nicht seine Eltern an, sondern seinen besten Freund, der an diesem Tag aus dem Urlaub zurückkommen wollte. Er weiss nicht, dass dieser Freund den Spanien-Urlaub abgebrochen hat, um bei der Suche zu helfen. Der Freund ist es nun auch, der den Eltern die Nachricht überbringt, dass ihr Sohn lebt und der dem Sohn erzählt, mit welchem Aufwand sie nach ihm gesucht haben. Überraschenderweise überrascht ihn das. Jonas hat die vergangenen zwölf Tage allein in einem Waldstück hinter der Stadt verbracht.

«Ich habe mich noch nie so gefreut, meine Mutter zu sehen.»Jonas

«Es war eher eine spontane Entscheidung nach dem Streit mit meinem Vater, weil ich nicht bei dem Projekt war. Aber es hing schon auch damit zusammen, dass ich davor so lange nicht zur Schule gegangen bin. Ich habe mir auf Google Maps einen Wald in der Nähe ausgesucht, der so gross ist, dass ich nicht gleich auf Menschen treffe. Ich wollte erst mal niemanden sehen. Aber es war nicht lange geplant. Ich hatte nur zwei Decken dabei und 25 Euro, keinen Kocher, kein Zelt, was sicher besser gewesen wäre, weil es nachts ziemlich kalt wurde und irgendwann auch geregnet hat.»

Jonas ist der zarte Junge, nach dem er schon auf dem Plakat ausgesehen hatte. Er hat ein feines Gesicht und ist kaum grösser als seine Mutter, die neben ihm steht. Er wohnt gerade bei ihr, darum hatte sie die Frage übermittelt, ob er zu einem Gespräch bereit wäre. Sie bringt ihn auch zum Treffpunkt, von dem aus Jonas einen Spaziergang um einen nahen See machen will. Dann verabschiedet sie sich schnell, damit man ungestört reden könne, wie sie sagt, aber in der Art, wie sie das tut, mit einer Tapferkeit, als würde sie ihrem Sohn eine schwere Prüfung zumuten, scheint das ganze Dilemma einer Mutter auf, die weiss, dass sie ihrem Sohn nicht zeigen darf, wie sie fühlt, weil sie gelernt hat, dass er das nicht sehen will.

«Ich hatte immer ein besseres Verhältnis zu meinem Vater. Mit meiner Mutter – ich weiss nicht – sie hat manchmal schräge Ansichten, finde ich. Aber als ich dann aus dem Wald zurückkam, ich habe mich noch nie so gefreut, meine Mutter zu sehen.»

«Es ist schon ein bisschen gruselig allein im Wald, vor allem nachts, wegen der Geräusche.»Jonas

Am Morgen seines Verschwindens fährt Jonas mit der S-Bahn bis zu der Haltestelle, die dem ausgewählten Waldstück am nächsten liegt. Dann geht er zu Fuss, bis er eine Stelle findet, die entlegen genug ist. Er sammelt Holz, macht ein Feuer, verbringt die Nacht im Wald. Am folgenden Tag läuft er zurück zum Stadtrand, um in einem Supermarkt Kartoffeln und Wasser zu kaufen. Er muss sein Geld einteilen. Auf dem Rückweg verläuft er sich und findet sein Lager nicht wieder. Er ist froh, dass er die Decken mitgenommen hat. Auf einer Anhöhe oberhalb eines Weges, von dem aus man ihn nicht sehen kann, schlägt er sein zweites Lager auf.

«Es ist schon ein bisschen gruselig allein im Wald, vor allem nachts, wegen der Geräusche. Aber irgendwann war der Wald wie eine grosse Wohnung für mich, wie eine Wohnung ohne Wände. Ich habe Holz gesammelt, die Kartoffeln in der Glut gebacken. Mein Handy habe ich gar nicht eingeschaltet, ich wollte Akku sparen, damit ich meinen Freund anrufen kann, wenn er aus dem Urlaub zurück ist. Dass meine Eltern mich suchen, daran habe ich nicht so sehr gedacht. Ich wollte auf jeden Fall so lange bleiben, bis mein Freund wieder da ist. Wäre ich früher wiedergekommen, hätte das nach Verlieren ausgesehen, und das wollte ich nicht, obwohl es auch hart war, mit seinen ganzen Gedanken allein zu sein.»

Jonas spaziert um den See, die Hände in den Taschen, ohne Angst, dass er das Gespräch am Laufen halten muss. Er erzählt wie sein Vater, entlang der Fakten. Worüber er im Wald nachgedacht hat, sagt er nicht. Wenn man nachfragt, wird er immer einsilbiger. Man kann sich vorstellen, dass seine Eltern oft vermuteten, in ihm gehe mehr vor, als er erzählt, und wie sie nach Formulierungen gesucht haben, mit denen sie ihm nicht zu nahe rücken und dennoch etwas erfahren. All diese scheinbar interesselosen Fragen, die man dem eigenen Kind auf einmal stellt, damit überhaupt so etwas wie ein Gespräch entsteht. Als Jonas schliesslich aus dem Wald zurückkommt, trifft er sich zuerst mit seinem Freund, dann erst, getrennt voneinander, mit seinen Eltern.

Die Mutter muss jetzt akzeptieren, dass ihr Sohn nicht mehr heimlich rauchen will.

«Ich habe in dem ersten Gespräch vermieden, ihm Vorwürfe zu machen, und ich glaube, das war eine gute Erfahrung für ihn, dass es keinen Ärger gab. Ich war nur froh, dass er wieder da war. Ich dachte, wir reden später über alles, aber das ergibt sich immer nur Stück für Stück. Er findet unsere Beziehung heute offener, zumindest hat er das seiner Oma gesagt und später auch uns. Wir könnten jetzt offener miteinander reden, hat er gesagt. Ich glaube, das liegt daran, dass wir so viel über ihn erfahren haben, was wir nicht wussten. Es gibt jetzt keinen Grund mehr, etwas vor uns zu verheimlichen. Ich finde ihn selbstbewusster heute, seine Körperhaltung ist anders, er spricht irgendwie mehr aus der Mitte heraus.»

«Er hat gesagt, wir sollen ihn mehr selbst machen lassen, nicht immer nachfragen, nicht mehr nachsitzen lassen, wenn die Zensuren schlecht sind. Ich hatte mir das zwar schon gedacht, aber nun hat er es mal formuliert. Er möchte ein partnerschaftliches Verhältnis, nicht mehr Eltern – Kind. Seine Interessen sollen mehr zählen. Er will sich selbst um die Schule kümmern, hat er gesagt, und ich sehe auch, dass er das macht. Ich finde, er hat das gut gemeistert. Er ist nicht gestorben vor Angst im Wald. Er hat sich ein Stück Autonomie erarbeitet, hinter das wir nicht mehr zurückkönnen.»

Einige Tage, nachdem Jonas wieder da war, ist er mit seinem Vater noch einmal in den Wald gegangen, um die zwei Decken zu holen, aber auch um ihm die Stelle zu zeigen. Es war alles unverändert. Die kleine Kuhle, in der er geschlafen hatte, der Feuerplatz, der Stuhl, den er irgendwo gefunden hatte. Der Vater drückte Anerkennung aus. Er fand den Platz gut, nicht leicht zu entdecken. Aber er hatte auch die einfachere Auf­gabe: Die Mutter muss jetzt akzeptieren, dass ihr Sohn nicht mehr heimlich rauchen will. Er hat sich eine E-Zigarette gekauft, die er auch zu Hause benutzt. Als er ihr stolz erklärte, wie sie funktioniert, sass sie daneben und gab sich die grösste Mühe zu beweisen, dass sie ihre Lektion gelernt hatte, obwohl sie noch immer nicht weiss, warum es nötig war, sie ihr auf diese brutale Art und Weise beizubringen.

Er wollte, dass seine Eltern ihm nicht mehr sagen, wer er ist und was er tun soll.

«Ich habe den Reset-Knopf im Verhältnis zu meinen Eltern gedrückt. Ich habe jetzt das Selbstbewusstsein, ihnen zu sagen, was ich mir wünsche. Sonst hätte die ganze Aktion ja nichts verändert.»

In diesem Jahr wird Jonas seinen Mittelstufenabschluss machen. Er weiss noch nicht, ob er danach ein Jahr ins Ausland geht, wie seine Mutter glaubt, oder ob er eine Lehre als Goldschmied beginnt, wie sein Vater vermutet. Er arbeitet gern mit den Händen. In der Schule hat er sich aus einer Zigarrenkiste eine E-Gitarre gebaut. In den Ferien war er für vier Wochen auf einem Ziegenhof. Früher hat er Kraniche aus Papier gefaltet, ganz für sich allein. Es war sein Ehrgeiz, sie kleiner und kleiner zu machen. Der kleinste Kranich, den er gefaltet hat, nur mit den Fingern, war zwei Millimeter gross. Dass er etwas Härteres als Gras ausprobiert hat, war nur einmal. LSD, eine Tablette. Sein Freund und er waren in einem Club, und als sie nach Hause wollten, sahen die Häuser und Strassen auf einmal aus, als würden sie sich biegen. Das war beängstigend. Sie haben vollkommen die Orientierung verloren, wussten nicht mehr, wo sie waren, aber standen am Ende doch vor dem richtigen Haus. Das fand er interessant, dass es in einem offenbar etwas gibt, das einen leitet.

Ein Junge verschwindet. Mitten im Sommer. In einer grossen deutschen Stadt. Zwölf Tage lang wissen seine Eltern nicht, wo er ist, wie es ihm geht und ob er überhaupt noch lebt. Da taucht er plötzlich wieder auf. Er wollte, dass seine Eltern ihm nicht mehr sagen, wer er ist und was er tun soll. Das hat er erreicht. Jetzt muss er sich das selbst beantworten.

Erstellt: 19.05.2019, 21:29 Uhr

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