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Einfach hirnlos über die Strasse bolzen

Die Wahrscheinlichkeit, als Autofahrer im Strassenverkehr zu sterben, sinkt jedes Jahr. Gehen Autolenker deshalb immer irrere Risiken ein?

Verunglücktes Auto nach einem Selbstunfall in Schlieren. Gemäss Polizeiangaben zog sich der Autolenker beim Unfall unbekannte Verletzungen zu.
Verunglücktes Auto nach einem Selbstunfall in Schlieren. Gemäss Polizeiangaben zog sich der Autolenker beim Unfall unbekannte Verletzungen zu.
Kantonspolizei Zürich, Keystone

Es kommt selten vor, dass man sich nicht kennt, aber bei der ersten Begegnung völlig einig ist. Aber genau so war es kürzlich, als wir uns zu dritt auf einer Strasse gegenüberstanden, die sich bergwärts durch ein Waldstück schlängelte – vereint in Fassungslosigkeit angesichts dessen, was geschehen war: Gerade eben hatte mich ein Autofahrer überholt, obwohl man im Kurvenreichtum der Strasse kaum mehr als hundert Meter überblicken konnte.

Und so kam es, wie es kommen musste: Just während des Überholmanövers kam uns ein Autofahrer entgegen. Alle bremsten ab – mit Ausnahme des Überholers, der sich zwischen dem entgegenkommenden Autofahrer und mir hineindrückte, was angesichts der schmalen Lücke gewiss als sehr beeindruckende fahrtechnische Leistung durchgehen kann. Bei uns hinterliess es aber jene Rat- und Fassungslosigkeit, die wir da zu dritt abgebremst im Waldstück standen: die entgegenkommende Autofahrerin, ein Lenker hinter mir sowie ich auf dem Fahrrad.

«Schafseckel!», «Hirnlose Arschlöcher!»

Grundsätzlich habe ich vollstes Verständnis, dass es wenig Spass macht, als Autolenker hinter einem ungedopten Velofahrer den Berg hochzukriechen. Aber es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ich mich in den vergangenen Wochen dann doch über die Risikobereitschaft einiger Autofahrer wunderte. Etwa über jene beiden Exemplare, von denen der eine den anderen überholte, während Letzterer bereits mit stark übersetzter Geschwindigkeit an mir vorbeirauscht. Da drängte sich für mich schon die Frage auf: Sagt mal, was ist los?

Der intellektuelle Kurzschluss («Hirnlose Arschlöcher!», «Schafseckel!», «Wichser!») oder die ungleich anspruchsvollere Erklärung, dass sich hier einige nach Büroschluss und der Schaffung von Mehrwert dem obligaten Aggressionsabbau hingaben, waren mir angesichts der wiederholten Raserei und Hirnlosigkeit, die ich zuletzt auf Strassen erlebt hatte, dann doch etwas zu einfach. Auch die These, dass man in der Landstrasse das letzte Biotop der Tempobolzer sehen muss, weil man in der Stadt mit Schwellen und anderen Verkehrsberuhigungen stark gegängelt wird, sodass tempotechnisch keine Kreativität mehr möglich ist, und man selbst auf den Autobahnen nicht mehr richtig blochen kann, weil der Blechpolizist als limitierender Faktor in Erscheinung tritt, vermochte mich nicht wirklich zu überzeugen.

Andere Erklärungen mussten her. Und so trifft es sich gut, dass das Bundesamt für Strassen Statistik gerade neue Zahlen publiziert hat, wonach es immer weniger wahrscheinlich wird, dass man als Autolenker im Strassenverkehr sein Leben verliert. Seit 1970 ist die Zahl der Strassentoten nämlich um rund 85 Prozent zurückgegangen, womit wir uns dem Rekordtief von 1945 annähern, als es noch fast keine Autos gab. Errungenschaften wie der Airbag scheinen also eine gewisse Wirkung zu haben.

Inzwischen stellt das Astra gar eine Karte zur Verfügung, auf der man sich für jeden Strassenabschnitt ansehen kann, ob sich dort in den vergangenen fünf Jahren ein Unfall ereignet hat – von der Autobahn bis zur Quartierstrasse. Zudem kann man sich für wirklich alle Strassenverkehrsunfälle die Art, die Folgen sowie die Uhrzeit anzeigen lassen. Vielleicht haben einige diese Karten in ihr Navi rübergeladen, um mit gesenktem Risiko auf unfallfreien Strecken dahinzublochen? Getreu dem Motto: Rasen ja, aber bitte nur zwischen 9 und 11 auf den folgenden Landstrassen.

Gibt es das auch fürs Navi? Ausschnitt aus der interaktiven Karte des Bundesamts für Strassen, auf der man jeden Strassenabschnitt nach Unfällen scannen kann.
Gibt es das auch fürs Navi? Ausschnitt aus der interaktiven Karte des Bundesamts für Strassen, auf der man jeden Strassenabschnitt nach Unfällen scannen kann.

Beim Betrachten der Unfallkarte – mit all den Toten und Verletzten – weitete sich die Schweizer Strassenszene für mich zusehends zu einem anspruchsvollen Lehrstück in Sachen Empathie: Vielleicht ist das unsinnige Verhalten im Strassenverkehr ja auch als letzter Akt des Widerstands zu verstehen, bevor uns in einigen Jahren die bösen Algorithmen und das automatische Fahren das Steuer aus der Hand nehmen? Bolzen deshalb einige völlig hirnlos über die Strassen – mit dem Refrain aus Tocotronics «Pure Vernunft darf niemals siegen» auf den Lippen? Ist Rasen so etwas wie russisches Roulette auf vier Rädern? Das Auto als Zyankali des motorisierten Mannes? Oder ist das riskante Rasen als Senioren-Kamikaze zu verstehen, da die Verkehrstauglichkeit inzwischen ab 75 routinemässig überprüft wird und ein langes Leben ohne Führerschein zwar vorstellbar, aber nicht wünschenswert ist?

Insgesamt war ich mir sehr uneins, ob und wie diese Fragen sinnvoll zu beantworten sind. Und so blieb ich bei der schlichten Einsicht hängen, die dereinst wohl auf meinem Grabstein steht, wenn ich als einer der durchschnittlich drei bis vier Velofahrer umgerast werden sollte, die jährlich von PW totgefahren werden: Ey, suizidale Autofahrer, habt Ihr sie noch alle?!?

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