Erfolgloser Egoist

Selbstsüchtige Menschen verdienen tendenziell weniger als sozial orientierte – und haben weniger Kinder.

Ein gesundes Mass an Ichbezogenheit hilft bei der Karriere, zu viel aber ist kontraproduktiv.

Ein gesundes Mass an Ichbezogenheit hilft bei der Karriere, zu viel aber ist kontraproduktiv. Bild: Getty Images

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Egoisten dienen als willkommene Projektionsfläche. So lässt sich empört über jene schimpfen, die es zu grossem Reichtum gebracht haben: Ganz klar, so einen Erfolg erlangen nur Menschen, deren Herz erkaltet ist und deren Fokus ausschliesslich auf dem eigenen Vorteil liegt. Im Einzelfall mag diese Diagnose zutreffen – doch für den Durchschnitt der Bevölkerung ­zeigen Daten verblüffenderweise einen anderen Zusammenhang.

Wie Wissenschaftler um Kimmo Eriksson von der Universität Stockholm berichten, verdienen egoistische Menschen tendenziell sogar weniger Geld als sozial orien­tierte. Zudem haben Egoisten im Durchschnitt weniger Kinder als andere, berichten die Forscher im «Journal of Personality and Social Psychology: Personality Processes and Individual Differences».

Für ihre Publikation werteten die Wissenschaftler Datensätze von mehreren Tausend Probanden aus, die an verschiedenen Langzeitstudien in Grossbritannien, den USA sowie mehreren Staaten Europas teilgenommen hatten. ­Darin zeigten sich die genannten Zusammenhänge. Die Korrelation mit dem Einkommen entsprach dabei einer Art umgedrehter U-Kurve. Das heisst: Die höchsten Einkommen erzielten Menschen, die nicht nur an sich dachten, aber auch nicht nur das Wohlergehen ihrer Mitmenschen im Auge hatten. Die Zahl der Kinder stieg hingegen nahezu geradlinig mit wachsender prosozialer Ausprägung.

Prosoziale Menschen sind gesünder und ausgeglichener

Zwei der Datensätze gaben Hinweise auf die womöglich zugrunde liegenden ursächlichen Zusammenhänge. Es könnte ja schliesslich auch so sein, dass mit der Zahl der Kinder egoistische Tendenzen reduziert werden oder wachsender beruflicher Erfolg egoistisches Verhalten obsolet werden lässt. Dem war aber nicht so: Besonders egoistische Personen hatten auch zu einem späteren Zeitpunkt der Untersuchung die geringsten Einkommenszuwächse – und bekamen in dieser Phase auch die wenigsten Kinder. «Wir können aus diesen Daten nicht die spezifischen Mechanismen isolieren, welche die beobachteten Phänomene verursachen», schreibt das Team um Eriksson. Es bleibt somit eine Korrelation.

Trotzdem lässt sich natürlich darüber spekulieren, wie eine soziale Ader Karrierechancen und Familienplanung beeinflussen könnte. Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass prosoziale Menschen im Schnitt gesünder und ausgeglichener sind sowie stabilere Beziehungen pflegen. Wenn eine Partnerschaft gut funktioniere, so die Forscher, dann ergäben sich auch eher die Voraussetzungen, um gemeinsam Kinder zu bekommen. Andersherum formuliert: «Wenn Egoisten in schlechteren Beziehungen leben, haben sie vielleicht schlicht weniger Gelegenheiten, um Kinder zu bekommen», sagt Eriksson. Und: Wer sich vor allem exklusiv um sein eigenes Wohlergehen kümmere, verspüre wahrscheinlich auch weniger Lust auf Kinder. Der Nachwuchs neigt ja dummerweise dazu, Eltern gewisse Opfer abzuverlangen und Ansprüche einzufordern.

Aber bevor nun Empörung losbricht: Natürlich lässt sich aus den Daten nicht herauslesen, dass jeder kinderlose Mensch automatisch ein Egoist ist.

Der Turboegoist spürt die Ellbogen der anderen

Die Forscher um Eriksson leiten aus ihren Ergebnissen jedenfalls die These ab, dass prosoziales Verhalten ein evolutionärer Vorteil zu sein scheint. Wenn tendenziell selbstlose Menschen mehr Kinder als tendenziell egoistische Personen bekommen, sollte sich diese Charaktereigenschaft dadurch über die Generationen weiterverbreiten. «Das könnte den Gedanken nahelegen, dass sich die Menschheit in eine Richtung entwickelt, in der Egoismus eine geringere Rolle spielt», spekulieren die Wissenschaftler aus Schweden.

Auch die verminderten Karrierechancen der Egoisten lassen sich mit Blick auf vorhandene Studien zumindest deuten. Zunächst überrascht das Ergebnis: Die Forscher um Eriksson befragten mehr als 400 Probanden unter anderem, wie sie den Zusammenhang von Egoismus und Einkommen einschätzten. Die verbreitete Annahme war: Selbstsüchtige Menschen sichern sich doch bestimmt das grösste Stück des Kuchens. Diese Ansicht deckt sich mit der popu­lären Vorstellung vom Egoisten mit dickem Bankkonto.

Allerdings widerspricht sie den Daten. Auch andere Studien haben gezeigt: Prosoziale Menschen schaffen es eher in Führungspositionen, denn mit den Kollegen muss man schliesslich auch zurechtkommen. In der Arbeitswelt spielen stabile soziale Beziehungen ebenfalls eine Rolle. Ein enges und breit gefächertes soziales Netzwerk verbessert die Karrierechancen, da hilft es, wenn man es gut mit anderen kann.

Der Turboegoist stösst hingegen irgendwann an die Grenzen und bekommt sprichwörtlich die ausgefahrenen Ellbogen der anderen zu spüren. Trotzdem scheint ein gesundes Mass an Ichbezogenheit der Karriere gutzutun: Das Einkommen der supersozialen Menschen lag im Schnitt deutlich niedriger als das der nur mässig ­sozialen Zeitgenossen. Das könne auch daran liegen, dass die extrem sozial Gesinnten Berufe ergriffen, in denen sie nicht so viel verdienten, mutmasst Eriksson.

Erstellt: 20.10.2018, 18:15 Uhr

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