Interview

«Bio wird Opfer der zelebrierten Bilder»

Der Eierskandal erschüttert das Vertrauen der Konsumenten. Laut Bio-Experte Urs Niggli wären die Reaktionen weniger emotional, würde die Bio-Landwirtschaft in der Werbung realistischer dargestellt.

Glückliche Freilandhühner: Dieses Bild der Landwirtschaft ist laut Niggli veraltet.

Glückliche Freilandhühner: Dieses Bild der Landwirtschaft ist laut Niggli veraltet. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Niggli, wie werden die verschiedenen Bio-Labels von den Konsumenten wahrgenommen?
Bio hat generell einen Heiligenschein. Dass es bei den Anforderungen Unterschiede gibt, ist den wenigsten Leuten bewusst. Das, was die Konsumenten am meisten interessiert, dass keine Gentechprodukte, keine Pestizide und keine synthetischen Dünger verwendet werden dürfen, müssen alle Labels einhalten.

Sie sprechen von einem Heiligenschein …
… viele Leute stellen sich beim Thema Bio einen Bauern vor, der vielleicht 20 Hühner hält und die er alle beim Namen kennt. Eine solche Produktion ist heute aber nicht mehr möglich – ein Ei würde so teuer, dass fast niemand mehr bereit wäre, diesen Preis zu bezahlen. Heute liegen die Preisunterschiede zwischen Bio und nicht Bio über alles hinweg gesehen bei rund 40 Prozent. Würden die Biobetriebe den idyllischen Kleinbetrieben in der Vorstellung der Konsumenten entsprechen, wären die Bioprodukte 100 bis 200 Prozent teurer als die konventionellen Produkte.

Wird diese Wahrnehmung denn nicht gezielt durch das Marketing der Labels gefördert?
Das Problem ist, dass beim Bauernverband, beim Bundesamt für Landwirtschaft und auch bei Biosuisse eine kleinbäuerliche Idylle gezeigt wird. Überall werden einzelne Tiere gezeigt, zum Beispiel drei oder vier Hühner, die durchs Gras stolzieren. Aber man findet nirgends ein Bild mit 2000 Hühnern.

Diese Romantisierung der Landwirtschaft wird aber auch von Vertretern der konventionellen Landwirtschaft betrieben.
Daher steht Bio unter dem Zwang, diese Idylle ebenfalls zu zeigen. Dieses Bild zu fördern ist meiner Ansicht nach das Grundübel der ganzen Nahrungsmittelskandale. Man müsste die Konsumenten vielmehr aufklären, dass mit unserer Preispolitik eine individuelle Betreuung jedes einzelnen Tieres nicht mehr möglich ist. Mir als Agrarwissenschaftler wäre es wohler, wenn man eine professionelle Landwirtschaft zeigen könnte, die heute anders läuft als noch vor 50 bis 60 Jahren, die aber nicht tierverachtend und umweltbelastend ist. Bio wird regelmässig Opfer dieser zelebrierten Bilder.

Könnten solche Skandale für die Bioproduzenten auch eine Chance sein, um sich von diesem idyllischen Image zu befreien?
Ich hoffe es. Ich selbst kommuniziere diese Romantik nicht. Ich bin überzeugt, dass in zehn Jahren ein Grossteil der Biobauern modernste computergesteuerte Technik verwenden wird, wo er aus dem Traktor heraus E-Mails verschickt und Saatgut bestellt. Für mich ist dies das Zukunftsbild – nicht der Bauer mit der Mistgabel in der Hand.

Müsste das Marketing denn nicht auch in diese Richtung gehen? Gerade die Bio-Werbung strotzt vor idyllischen Bildern.
Das sind archetypische Bilder, die hier angesprochen werden, ähnlich wie bei den Hilfswerken, die dauernd weinende Kinder zeigen. Der Mensch reagiert auf diese Bilder und daher sind sie für die Werbung hilfreich. Damit die Konsumenten die Produkte kaufen, muss man eine Geschichte erzählen – in diesem Fall jene des Paradieses. Doch wir alle lassen uns gerne davon unterhalten.

Geht es also auch darum, dass die Grossverteiler mit Bio mehr verdienen?
Migros und Coop verdienen mit Bioprodukten nicht mehr als mit konventionellen Produkten. Sie haben in den letzten Jahren viel in die Entwicklung und in den Aufbau investiert, dass es überhaupt genügend Produzenten gibt. Heute ist man soweit, dass die Marge auf Bioprodukten etwa gleich hoch ist wie bei den konventionellen Produkten. Und auch die Bauern haben ein vergleichbares Einkommen. Sie haben mehr Arbeit und teilweise höhere Einbussen, weil sie beispielsweise auf Pestizide verzichten müssen.

Bräuchte es ein Umdenken bei den Konsumenten was die Bioprodukte betrifft?
Was die Biobauern auszeichnet sind ja ihre respektvolle Tierhaltung und der ökologische Umgang mit der Umwelt. Biobauern sind aber keine Alpöhis oder Romantiker. So wie jedes Unternehmen, müssen auch die Biobauern mit der Zeit gehen. Eine moderne Produktion ist gut kombinierbar mit einer umwelt- und tierfreundlichen Bewirtschaftung. Wenn man diese Botschaft stärker kommuniziert würde, blieben auch derart emotionale Reaktionen aus. Selbstverständlich ist auch die Bio-Landwirtschaft nicht gefeit vor Betrügern – sie sind ja keine Heiligen. In der Schweiz gibt es aber ein gutes Kontrollsystem, die das Betrugsrisiko so stark minimieren, dass der Konsument eine relativ hohe Sicherheit hat. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nicht.

Welche Unterschiede gibt es denn in Bezug auf die Tierhaltung zwischen der Schweiz und Deutschland?
In der Schweiz darf die Herdengrösse maximal 2000 Tiere betragen. In Deutschland sind dies 3000 Tiere. Hinzu kommt, dass in Deutschland, anders als in der Schweiz, mehrere Herden pro Betrieb gehalten werden dürfen. So ist eine nahezu industrielle Haltung auch in der Bioproduktion möglich. Hinzu kommt, dass in Deutschland bei der Freilandhaltung nur eine gewisse Stallfläche und ein regelmässiger Freigang nach draussen geregelt sind. Die Vorschriften besagen aber nichts über die Tiermedizin oder über die Fütterung der Tiere.

Und wie unterscheiden sich Schweizer Bio-Labels von jenen der EU?
Sowohl in der Schweiz als auch in der EU dient die Bio-Verordnung als Grundlage bei der Produktion. Diese schreibt den Mindeststandard vor. In der Schweiz gibt es nun aber Labels, deren Vorschriften über diesen Mindeststandard hinausgehen, um sich marketingtechnisch abzuheben. Ein Beispiel ist das Knospe-Label von Biosuisse. So darf beispielsweise in Knospe-Joghurts kein Farbstoff verwendet werden, auch nicht in Form von Randensaft. Man will die Produkte möglichst naturnah belassen. Bezogen auf die Schweiz und die EU gibt es auch beim Anbau Unterschiede. Während für das Knospelabel eine gesamtbetriebliche Umstellung auf Bio nötig ist, kann ein deutsche Biobauer beispielsweise nur das Getreide nach Biorichtlinien anbauen, die Tiere aber gemäss den konventionellen Richtlinien halten.

Erstellt: 27.02.2013, 06:15 Uhr

«Bio hat generell einen Heiligenschein»: Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau. (Bild: zvg)

Artikel zum Thema

Schweizer Pasta kann falsche Bio-Eier enthalten

Bio-Eier im Laden stammen aus der Schweiz, jene zur Weiterverarbeitung meistens aus dem Ausland. Also auch aus Deutschland, wo Millionen Bio-Eier falsch deklariert wurden. Mehr...

Millionen von Eiern illegal als Bio-Eier verkauft

Nach dem Pferdefleisch nun die Hühnereier. Deutsche Behörden ermitteln offenbar gegen 150 Bauernhöfe, weil diese zu viele Legehennen in ihren Ställen halten und Eier falsch deklariert als Bioeier verkauften. Mehr...

Die gar nicht heile Bio-Welt

Bio ist gut für die Konsumenten und die Natur. Aber den Landarbeitern geht es dreckig wie eh und je. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...