Blaufränkisch aus Carnuntum

Paul Imhof schreibt über Wein und Winzer und stellt edle Tropfen vor.

Blaufränkisch ist eine edle Sorte: Die Austro-ungarische Varietät hat auffallend dunkle Früchte.

Blaufränkisch ist eine edle Sorte: Die Austro-ungarische Varietät hat auffallend dunkle Früchte. Bild: Reuters

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Die Instruktionen der Besitzerin sind klar: «Bitte geben Sie den Weinen Zeit, es sind sehr, sehr langsame Weine. Ich doppeldekantiere sie üblicherweise 12 Stunden vorher. Sie brauchen viel Luft», schreibt Dorli Muhr zu ihren Gewächsen aus dem österreichischen Anbaugebiet Carnuntum. Muhr, die in Wien mit der Agentur Wine & Partners für Flaschen aus allen Lagen wirbt, gewinnt zunehmend Aufmerksamkeit für ihre «Hausweine»: Ein besserer Kompetenzausweis als das eigene Weingut ist schwerlich zu finden, und so steige ich nach dem ersten Espresso des Tages in den Keller hinunter und hole die beiden Blaufränkisch Carnuntum 2011 und Blaufränkisch Spitzerberg 2011. Ich entkorke die Flaschen, rieche einen frischen, traubigen Duft, giesse die Weine um und trage die offenen Karaffen in den Keller, wo sie bis zum Abend in schonender Dunkelheit und angenehmer Kühle durchatmen dürfen.

Austro-ungarische Varietät

Carnuntum liegt gut 40 Kilometer von Wien entfernt im östlichsten Zipfel Österreichs und grenzt an die Slowakei. Die gleichnamige Hauptstadt der römischen Provinz Pannonien wurde an der Stelle errichtet, wo die Bernsteinstrasse, ein bedeutender transkontinentaler Handelsweg der Antike, die Donau überquerte. Die Überreste der Stadt bei Petronell bilden die wichtigste römische Grabungsstätte Österreichs und sind eine Touristenattraktion. Das Weingebiet Carnuntum erstreckt sich über gut 910 Hektaren Rebfläche zwischen der Donau im Norden und dem Neusiedlersee im Süden, zwischen dem Ende der Alpen und dem Anfang der Karpaten. Am Fuss des letzten Ausläufers der Kleinen Karpaten, dem Spitzerberg, befindet sich das Dorf Prellenkirchen.

«Meine Grossmutter besass dort einen klitzekleinen Weingarten», erzählt Dorli Muhr. Nach dem Tod der Grossmutter erbte die Enkelin den Weingarten, den sie 1992 neu bepflanzen und von einem lokalen Weinbauern bewirtschaften liess. Zehn Jahre später begann sie zusammen mit Dirk Niepoort aus Porto, der im Douro grossartige Port- und Tafelweine produziert, ein gemeinsames Projekt. Drei weitere Hektaren wurden dazugekauft und neu bestockt, insbesondere mit Blaufränkisch, einer austro-ungarischen Varietät mit auffallend dunklen Früchten. Im Stammbaum von Blaufränkisch schwingen die Gene von Gouais blanc mit, im Mittelalter von Frankreich bis Ungarn verbreitet und im Wallis «Gwäss» genannt.

Terroirweine mit unverblümtem Ausdruck

Blaufränkisch ist eine edle Sorte. Die Versuchung ist gross, sie mächtig auszubauen, das Potenzial würde es erlauben. Doch Dorli Muhr will keine fetten Tropfen, sondern Terroirweine mit unverblümtem Ausdruck. «Die Trauben werden nicht geschwefelt», betont sie, «wir verwenden keine Reinzuchthefen, wir mazerieren nur ganz sanft und praktisch ohne technische Hilfsmittel. Etwa ein Drittel der Trauben wird mit den Füssen gestampft, dann sehr bald abgepresst, und der Most gärt ohne Maische im Holzfass weiter. Wir verzichten auf Kühlung oder Erhitzung der Maische. Die Weine werden während ihrer zweijährigen Reife im Fass nur einmal umgezogen, sonst lassen wir ihnen einfach die Zeit, die sie brauchen.»

Gewöhnt an die Zeit zu reifen, verlangt der Wein natürlich auch Zeit, sich zu entfalten. Er dankt mir die Geduld. Die ersten Schlucke vom leichteren Carnuntum und vom kraftvollen Spitzerberg zeigen Eleganz und Typizität mit intensiven, fruchtigen Aromen, die Tiefe verheissen und von einer leichten Pfeffernote gesprenkelt sind. «Wir sind stolz und hoch erfreut, dieses kleine Juwel aus dem Carnuntum führen zu dürfen», erklärt die Weinhandlung Gerstl.

Carnuntum 2011 (21 Fr.), Spitzerberg 2011 (44 Fr.) sowie weitere Muhr-Weine bei Gerstl Weinselektionen, Fegistrasse 5, Spreitenbach; Tel. 058 234 22 88. www.gerstl.ch

Erstellt: 03.05.2014, 07:33 Uhr

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Paul Imhof


Er schreibt im Wechsel mit Philipp Schwander über Wein und Winzer und stellt edle Tropfen vor.

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