Bonds Geheimrezepte

007 kommt wieder in die Kinos. In den Filmen und Romanen spielt das Essen eine tragende Rolle. Zeit, die Agenten-Abenteuer als Vorläufer der kulinarischen Krimis zu würdigen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bond ist ein Extremist, ein Extremist der Rohheit. Und ebenso ein Extremist des Sublimen. Champagner und Kaviar gehören zu 007 wie Blut und Knochen. Bond geniesst immer beides, Jagen und Töten, Essen und Trinken.

Aber Bond ist weder Schlemmer noch Prasser. Sein Exzess besteht im ­Zelebrieren des Raffiniert-Exotischen. Er trinkt Mouton Rothschild, bestellt ­Eierspeise mit Trüffeln und mixt Martini. Und auf den Verzehr folgt in der ­Regel ein Verkehr: Die Speise ist ihm Stimulanz, das Vorspiel zum Sex. Deshalb sollte Bonds Idealfrau, so ist es in «Diamonds Are Forever» (1956) nachzulesen, «eine Sauce Béarnaise genauso gut machen können wie Liebe».

Das alles passt exakt zum Geschmack des Bond-Schöpfers Ian Fleming (1908–1964). Dieser schreibende Snob schuf nicht nur die 007-Romane, er veröffentlichte auch zahlreiche Reisereportagen (daraus entstand das 1963 veröffentliche Buch «Thrilling Cities»), in denen er mit Akkuratesse Restaurants und Hotels rezensierte. Fleming war bereits in diesen journalistischen Stücken ein pingeliger Connaisseur und wollte sein Publikum mit seinen kulinarischen Detailkenntnissen beeindrucken. So finden sich auch in Flemings Bond-Romanen immer wieder Buchseiten lange Beschreibungen von Menüs, Speisen und Rezepten aus dem kulinarischen Kosmos von 007. Präzis und zugleich belehrend.

Aus heutiger Perspektive kann man den Bond-Autor als frühen Vorläufer sehen eines Booms in der Kriminalroman-Literatur, der bis heute andauert: Seit Jahren wird in den modernen Krimis nicht nur gemetzelt und gemeuchelt, sondern ebenso gekocht, gebacken und gesotten. Man denke nur an den schottischen Schriftsteller Martin Walker und seinen schlemmenden Kommissar Bruno. Kulinarische Krimis sind im deutschen Sprachraum zu einem eigenen Genre geworden.

Blick in Schweizer Kochtöpfe

Bestsellerautor Fleming hatte die Absicht, sein Massenpublikum kulinarisch zu bilden und zum guten Geschmack zu erziehen. Sein Bond, dieser Liebhaber sublimster Genüsse, tritt immer wieder als Kenner der lokalen Gastronomie auf. Und blickt dabei auch in Schweizer Kochtöpfe: In «Goldfinger» (1959) schickt Fleming seinen Protagonisten zum Diner in die Genfer Brasserie Bavaria, ein Lokal, das der Autor in den späten 20er-Jahren, während seiner Zeit in der Romandie, selber oft besucht hatte und das heute noch existiert, unter dem Namen Relais de l’Entrecôte. Bond trinkt in der Brasserie einen Enzianschnaps nach dem andern, denkt dabei lange über seinen Feind Goldfinger nach und bestellt schliesslich Choucroute (notabene: ein Elsässer, kein Genfer Gericht) und zum Nachtisch Pumpernickel plus Gruyère.

Flemings Bond (Lieblingsgericht: Eier, gerührt oder in der Bénédictine-Variante, mit Trüffeln) nahm für sein zeitgenössisches Publikum die Rolle eines kulinarischen Fremdenführers ein. Denn wegen des schwachen Pfundes nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich der englische Normalverbraucher keine Ferien im Ausland mehr leisten. In England selbst herrschte eine unerträgliche kulinarische Einöde. Lebensmittel waren bis 1954 rationiert. Die Küche der Working Class, hauptsächlich bestehend aus Innereien wie Kidney (Niere) und Liver (Leber) oder Gemüse in Form von Chips (Pommes frites), Mushy Pees (Erbsenmus) und Baked Beans (gebackene Bohnen), hätte ein Kontinentaleuropäer als kaum geniessbar eingestuft. Umso spektakulärer wirkten Bonds kulinarische Expeditionen auf die zeitgenössischen Leser. James Bond war eine Art Vorkoster der Nation.

Der pedantisch-besserwisserische Grundton, der diese Passagen durchzieht, ist schon in der womöglich berühmtesten Bond-Phrase überhaupt angelegt: «Shaken, not stirred», geschüttelt, nicht gerührt. So trinkt 007 seinen Martini, und es besteht kein Zweifel darüber, dass jeder, der es anders mag, ein Banause ist. Während der Romanagent gerne seine weiten kulinarischen Kenntnisse ausbreitet, fokussiert der Kino-Bond aufs Alkoholische. So in «Goldfinger» (1964): «Man trinkt nie einen 53er Dom Pérignon, wenn er eine Temperatur über acht Grad hat. Das wäre genau so, als höre man den Beatles ohne Ohrenschützer zu!»

Über Geschmack lässt sich eben nicht streiten. Und in Flemings Rezepten steckt ganz offensichtlich Potenzial. Jedenfalls nahmen sich der amerikanische Fotograf Henry Hargreaves und die Food Stylistin Charlotte Omne die betreffenden Passagen zum Anlass, die beschriebenen Gerichte nachzukochen und in dem Bildband «Dying to Eat» zu inszenieren. Entstanden sind dabei Bilder, die selber eine Story erzählen. Die Fotos zeigen angebrochene Speisen – als wäre Bond wieder mal gestört worden beim Speisen, als hätte sich jemand soeben vom Tisch entfernt, als würde jemand sich plötzlich wieder hinsetzen. Es sind Geschichten von Genuss und Exzess. Und so ungefähr wird das Fleming beim Schreiben fantasiert haben.

Als kulinarische Schlüsselszene in der 007-Saga wird von der Bond-Forschung gemeinhin das 5. Kapitel in «Moonraker» von 1955 gehandelt. Geheimdienstchef M lädt Bond in den ­Blades Club ein, einen Gentlemen’s Club, der in mehreren 007-Romanen eine Rolle spielt. Dort können Gäste jegliche Gerichte bestellen, die sie kennen, als wäre man nicht im Nachkriegs-London, sondern im Schlaraffenland.

Bond zögert keine Sekunde und ordert: geräucherten Lachs, dann Lammkoteletts mit frischen Erdäpfeln und weissen Spargel mit Sauce Béarnaise. Und schliesslich noch eine Scheibe Ananas. M kommentiert Bonds Bestellung: «Gott sei gedankt für diesen Mann, der sich zu entscheiden weiss.»

Michael Marti ist Autor des Buches «James Bond und die Schweiz», das die Rolle der Schweiz, der Schweizer und natürlich auch der Schweizerinnen in der 007-Saga ausleuchtet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2015, 17:46 Uhr

Getränke des Geheimagenten

Whisky bevorzugt

Daniel Böniger

«Ich sterbe lieber, als dass ich verdurste.» Den Satz sagt James Bond im Filmabenteuer «Feuerball». Und weil der bekannteste Geheimagent der Welt, decken wir es gleich auf, aus heutiger Sicht ein offensichtliches Alkoholproblem hat, meint er damit auch nicht Mineralwasser, sondern etwas Hochprozentiges. Nicht umsonst hat 007 in «Goldeneye» einen ganzen Lastwagen voller Perrier mittels eines Panzers zerstört.

Alle Welt kennt Bonds Schwäche für Wodka Martini, den er geschüttelt, nicht gerührt, bestellt. Doch ist auch dies nur ein Teil der Wahrheit. Der Agent trinkt ebenso viel anderes, wie ein jüngst erschienenes Drinkrezepte-Büchlein illustriert. Da erfährt man, dass sich Bond in Ian Flemings Kurzgeschichte «Risiko» auch mal einen Negroni aus Gin, Campari und rotem Martini bestellt. Oder dass er in «Skyfall» sogar ein ganz profanes Heineken aus der Flasche zischt. Was von der englischen Presse teilweise arg kritisiert wurde, auch wenn es nicht der erste Gerstensaft in der Kinogeschichte des Geheimagenten war: Schon in «Dr. No» genehmigte sich 007 ein jamaikanisches Red Stripe.

Der Grund für solch prolliges Verhalten? Offenbar wird im Dienste ihrer Majestät so wenig Honorar bezahlt, dass der Agent mit der Lizenz zum Töten halt anfällig ist für Product Placement – für die Heineken-Platzierung sollen von der Brauerei 45 Millionen Dollar bezahlt worden sein, sprich ein gutes Viertel des ganzen Filmbudgets. Monetäre Gründe hat es auch, dass die Champagnermarke Bollinger in über einem Dutzend Filmen vorkommt. Für den anstehenden Release von «Spectre» hat das Schaumweinhaus erneut eine spezielle «Limited Edition» herausgegeben, der Jahrgangs­champagner 2009 ist in der Schweiz für etwa 180 Franken zu haben. Und Bonds liebste Wodkamarke ist inzwischen Belvedere, nachdem in früheren Filmen noch Smirnoff, dann Stolichnaya in der Gunst der Geheimagenten standen.

Viel lieber als Wodka hat James Bond übrigens sowieso Whisky. Blättert man nämlich alle 007-Bücher durch, trinkt er grad mal 35 Martinis – aber mehr als 100 Drinks auf Whiskybasis.

Katherine Bebo: Bond-Cocktails – Die Kultdrinks für den Geheimagenten. Knesebeck, München 2015, ca. 15 Fr. (Tages-Anzeiger)

Artikel zum Thema

Bond und die lebenden Toten

Kritik «Spectre» ist ein klassischer 007-Film – wenn da das Mäuschen nicht wäre. Mehr...

«Es stimmt alles»

Erste Journalisten haben den neuen Bond-Film «Spectre» in den USA präsentiert bekommen. Hier ihre Eindrücke. Mehr...

«Wer ist die Mutter, Bond oder die Gespielin?»

Interview Der Psychoanalytiker Laurence A. Rickels hat ein Buch über James Bond geschrieben. Er sieht in ihm eine Maschine, die fähig wird, die Wunden seiner Geschichte in sich aufzunehmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Politblog 200-Meter-Riesen im Gegenwind

Sweet Home So werden Sie zum Minimalisten

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...