Hintergrund

Der Billigfisch

Für Feinschmecker ist Pangasius ein Schimpfwort, bei den Konsumenten ist er der Renner. Unter dem Preisdruck verschlechterten sich die Zuchtbedingungen. Jetzt zeichnet sich die Wende ab.

«Der Preisdruck hatte sich ganz klar ausgewirkt»: Fischfarm in Vietnam.

«Der Preisdruck hatte sich ganz klar ausgewirkt»: Fischfarm in Vietnam. Bild: Reuters

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Die Bilder verderben einem den Appetit. Der Pangasius ist schon an sich kein hübscher Fisch. Die Augen so tief liegend, sie würden unter die Mundwinkel rutschen, könnte das Tier lachen. Die Schnauze breit. Die Haut aalglatt, ohne Schuppen. Doch in der Enge des vietnamesischen Zuchtteichs gehen diese Fratzen unter und weichen der nicht minder schaurigen Realität der industrialisierten Fischproduktion. Eine Reportage auf ARD gewährt einen Blick in die Abgründe dieser Industrie («Die Pangasius-Lüge», heute 21.45 Uhr).

Der Aufstieg des anspruchslosen Allesfressers begann vor 15 Jahren im Delta des Mekong-Flusses in Vietnam und war kometenhaft. In der Schweiz stieg der Konsum innert 10 Jahren aus dem Nichts auf 3800 Tonnen. Der Pangasius gehört heute zu den fünf beliebtesten Speisefischen (siehe Grafik). Weltweit hat sich der Konsum in der gleichen Zeit verfünfzigfacht. Der Süsswasserfisch traf den Nerv der Zeit: Er stillte den Hunger nach gesundem Eiweiss, und weil er der Zucht entstammt, belastete er (nach damaligem Wissensstand) das Gewissen der Konsumenten nicht. Pangasius und die westliche Welt – es schien die perfekte Kombination.

Parallel zum Aufstieg begann der Preiszerfall. In der Schweiz haben sich die Importpreise für tiefgekühlte Filets in den letzten zehn Jahren beinahe halbiert, von 7.18 auf 3.83 Franken pro Kilo (siehe Grafik). Seine Popularität verdankt der Pangasius allerdings nicht nur dem tiefen Preis. Hinzu kommt, dass Pangasius nicht nach Fisch schmeckt: Er ist der ideale Fisch für alle, die keinen Fisch mögen. Er ist nicht heikel, fällt auch nach langem Kochen nicht auseinander und hat keine Gräten. Dass ihn Feinschmecker als geschmacklos, wässrig und nährstoffarm beschimpfen, ist dem breiten Volk egal.

Vietnam lenkte ein

Nicht egal sind den Schweizern jedoch die Bedingungen, unter denen der Fisch produziert wird. «Der Preisdruck hatte sich ganz klar auf die Zustände auf den Fischfarmen ausgewirkt», sagt Thomas Schefer, der für den Welthandelskonzern DKSH Pangasius einkauft. «Auf vielen Farmen ist die Situation noch nicht zufriedenstellend.»

Allerdings stehen die Chancen heute besser denn je, dass sich das ändert. «Die Bemühungen, die Situation zu verbessern, sind heute breit abgestützt», sagt Schefer. DKSH setzt sich seit Jahren für Nachhaltigkeit auf vietnamesischen Fischfarmen ein und hat als erste Firma eine Pangasius-Produktion mit dem Label «Friend of the Sea» zertifizieren lassen – einem der ersten Standards für Zuchtfische. Ein Winkelzug des WWF gibt der Nachhaltigkeitsbewegung nun zusätzlichen Schub: Im Oktober setzte die Organisation den vietnamesischen Pangasius in ihrem Einkaufsführer auf die Rote Liste. Begründung: Die Fische würden zu dicht gehalten, Medikamente in grossen Mengen eingesetzt und das Abwasser ungeklärt in den Fluss geleitet. Die vietnamesische Regierung reagierte umgehend und drohte damit, die Organisation des Landes zu verweisen. Daraufhin einigten sich WWF und Regierung auf einen Kompromiss: Der WWF passte seine Einstufung von rot auf «Zucht in Umstellung» an. Und im Gegenzug stellte die Regierung sicher, dass bis 2015 mindestens 50 Prozent der Fischzuchten den Richtlinien eines neuen Labels namens ASC folgen.

Der Preis wird steigen

ASC soll analog dem Label MSC für Wildfang den bislang strengsten Standard für nachhaltige Aquakulturen etablieren. Die Richtlinien legen für jede Fischart einzeln den Einsatz von Antibiotika fest, den Umgang mit Abwasser oder die Anforderungen ans Futter. Aber auch soziale Standards werden vorgeschrieben. Kritiker monieren, die Besatzdichte, also die Intensität der Zucht, sei nach wie vor nicht geregelt. Schefer, der bei der Ausarbeitung der Pangasius-Kriterien dabei war, beurteilt sie als bedeutenden Fortschritt. «Wir investieren in Vietnam viel Geld, um die Fischfarmen auf den ASC-Standard aufzurüsten», sagt Schefer.

2011 könnte der Branche die Wende bringen. Der Preis gibt diesen Weg bereits vor. Dieses Jahr wird das Angebot an Pangasius um 40 Prozent sinken, weil der Preiszerfall und steigende Futterkosten viele Bauern zwangen, die Zucht aufzugeben. In der Folge sind die Preise vor Ort stark gestiegen. Die Schweizer Konsumenten spüren das dank des starken Frankens noch nicht. Allerdings gehen Migros und Coop davon aus, dass sie früher oder später die Preise anpassen müssen. Auch, weil irgendwer die Kosten für die verbesserten Zuchtbedingungen tragen muss.

Im Vergleich zum Ausland steht die Schweiz übrigens gut da. Migros und Coop verkaufen ausschliesslich Pangasius, der globale Standards erfüllt. Das trifft in Vietnam laut WWF nur auf 10 bis 20 Prozent der Produktion zu. Bei DKSH stammen gar 90 Prozent aus zertifizierten Betrieben. Der Konzern beliefert Gastronomie und Detailhandel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2011, 08:09 Uhr

Beliebter Speisefisch: Pangasius hypophthalmus.

TA-Grafik str/Quelle: Eidg. Zollverwaltung, WWF Schweiz

TA-Grafik str/Quelle: Eidg. Zollverwaltung, WWF Schweiz

TA-Grafik str/Quelle: Eidg. Zollverwaltung, WWF Schweiz

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