Der Döner für Veganer

Schmeckt fast wie Fleisch, ist aber keines: Der vegane Döner von Elle ’n’ Belle. Seine Erfinderinnen bedienen in Zürich einen wachsenden Markt.

Der vegane «Daddy Cool» schmeckt fast wie die Vorlage mit Fleisch.

Der vegane «Daddy Cool» schmeckt fast wie die Vorlage mit Fleisch. Bild: Sarah Bischof

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Braunes Fleisch, knusprig gebraten, frischer Salat, Tomaten, Zwiebeln, würzige Joghurtsauce, im Fladenbrot – ein Kebab, der das Herz jedes Döner-Fans höherschlagen lässt. Doch etwas ist anders.

Bei Elif Erisik, die den Döner überreicht, liegt der Kebab quasi in der Familie. Ihr Vater hat vor 40 Jahren in Solothurn den ersten Kebab-Laden eröffnet. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sibel ist sie nun auch im Geschäft, das sie allerdings etwas anders, moderner definieren. Ihre Bude ist ein Label, Elle ’n’ Belle, und ihr Döner ein veganer – mit Seitan, einem Weizenprotein mit fleischähnlicher Konsistenz.

Fleischlos und ganz ohne tierische Produkte wie Milch, Eier oder Honig, das definiert die vegane Ernährung, und diese scheint in Zürich gefragter denn je zu sein. Nach Hiltl und dessen Take-away-Ableger Tibits, die sowohl vegetarische als auch vegane Speisen anbieten, konzentrieren sich mehr und mehr andere Anbieter auf diese Nische, obwohl die Anzahl reiner Vegetarier vergleichsweise gering ist: die Vegelateria mit veganem Eis, Pretty & Pure mit veganer Kosmetik oder Evas Apples mit einem rein veganen Einkaufsladen.

Hip wie einst Thai-Food

Seit fünf Monaten wollen sich auch die Erisik-Schwestern im veganen Zürich behaupten. Sie bieten mehr als ihren «Daddy cool», wie sie – nach dem Song von Boney M. – ihre vegane Döner-Kreation nennen. Sie bieten «Rock ’n’ Roll», sagt Sibel Erisik, die Gerichte-Tüftlerin. Damit meint sie nicht Sex und Drogen, sondern «frech und mit Drive». So kommt es auch, dass die beiden alles andere als langweilige «Körnlipicker» sind. Strahlend erzählen sie von ihrem pinkfarbenen – nur mit natürlichen Stoffen gefärbten – Kartoffelsalat oder ihren Muffins, die ganz nach dem Motto «Das Auge isst mit» farbig dekoriert sind. Wie man das alles zubereitet, kann man lernen, in ihren Kochkursen, die sie schweizweit anbieten, oder probieren, an Caterings und Events wie vor einigen Wochen in der Zürcher Maag-Halle.

Würzig wie aus einem türkischen Basar und knackig wie aus Nachbars Gemüsebeet, macht sich «Daddy cool» im Gaumen der Fleisch essenden Autorin breit. Im Biss ist der Seitan zwar etwas weniger pfiffig, doch vom Geschmack her unterscheidet sich die pflanzliche Variante nur wenig vom Fleisch.

Veganes probieren wollen auch immer mehr Vegetarier und Fleischesser. Michael Schrottenholzer vom veganen Eisladen Vegelateria an der Müllerstrasse erzählt von steigenden Zahlen, sogar während der Wintermonate. Zuvor führte im gleichen Lokal Lauren Wildbolz, die als eine der Vorreiterinnen der veganen Szene in Zürich gilt, die Vegan Kitchen & Bakery. Als Kunststudentin fehlten ihr damals die finanziellen Mittel. Heute lebt ihre Vegan Kitchen mit Caterings weiter, und sie macht Projekte zum Thema Lebensmittelverschwendung: «Die Einstellung hat sich verändert. Die Leute beginnen zu verstehen, dass man nicht Veganer sein muss, um Veganes zu essen. Wie vor zehn Jahren die Thai-Küche hip war, ist es jetzt die vegane Küche.»

Den Erisiks geht es nicht nur ums Business in einem aufstrebenden Sektor. Es geht für sie um mehr, um die vegane Überzeugung. Auslöser waren für Sibel vor zwei Jahren gesundheitliche Schwierigkeiten. Die Mutter von zwei Kindern begann sich intensiv mit Ernährung und Gesundheit zu beschäftigen und wurde nach 20 Jahren als Vegetarierin zur Veganerin. Elif wiederum, der artgerechte Tierhaltung wichtig ist, imponierte, was ihre ältere Schwester tat, und zog nach. «Die beste Entscheidung meines Lebens», sagt sie und: «Endlich bin ich den Ruf los, dass ich mich nach jedem Essen aufs Sofa legen muss, um mich auszuruhen.»

Glaubenskrieg!?

Fleischesser versus Veganer – ein Glaubenskampf, der bei manch einem Grillabend schon ausgeartet ist. Solche Positionierungsgerangel gibt es noch immer. Für neuen Zündstoff haben etwa die ­beiden Initiativen gesorgt, die in Bern und Basel vegane Menüs in öffentlichen Kantinen fordern. Sie sind je nach Sichtweise ein gefundenes Fressen für Fleischfetischisten oder für Veganer eine Art Wachrütteln. Raphael Neuburger, Präsident der Veganen Gesellschaft Schweiz, sagt dazu: «Es geht weniger um einen Nutzen für die vegane Szene als darum, die negativen Auswirkungen des Tierkonsums zu thematisieren.» Neue Lösungsansätze hätten es schwer, gerade wenn sie nicht dem Status quo entsprächen. Sie seien jedoch wichtig, um das Problem effektiv anzugehen.

Wie sich diese Bestrebungen auswirken, wird sich zeigen. So oder so wirken Veganer heute in der Öffentlichkeit oder in den Medien weniger missionarisch und extrem. Was vor allem damit zu tun hat, dass Fleischesser zunehmend erkennen, dass ein Menü ohne Fleisch nicht unsexy sein muss. «Fast jeder neue Betrieb weiss mittlerweile, was vegan ist, und bietet entsprechend etwas an», sagt Raphael Neuburger. Und Vegan-Pionierin Wildbolz betont, dass ­Menüs ohne tierische Produkte auch Nichtveganern zugutekommen: «Veganer-Food schliesst niemanden aus.» Das habe inzwischen die Gesellschaft erkannt. Trotzdem bleibt es hierzulande eine Herausforderung, sich vegan zu ernähren. Anders etwa als in Berlin, das als Mekka für Veganer gilt.

Ein Muffin für Thomas D.

Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen setzen die Erisik-Schwestern alles auf die Karte Elle ’n’ Belle. Elif kündigte ihren Job als Programmleiterin beim ­Jugendfernsehen Joiz und zog zu ihrer Schwester nach Baden. «Für unsere Kochkurse haben wir uns überlegt, worauf schlecht verzichtet werden kann», sagt sie. Ergebnis: Für viele sei etwa der Verzicht auf Milchprodukte schwierig, worauf sie die Kochkursreihe «Alles Käse oder was!» gestartet hätten. Mit Erfolg: Die Kochkurse sind ausgebucht und werden vor allem von Nichtveganern belegt.

Für mehr als Kochkurse und Catering-Auftritte an Events fehlt den Schwestern noch das passende Gastrolokal in Zürich. Wie viel Genuss ihre Küche aber ­bereiten kann, zeigte kürzlich eine Begegnung mit Thomas D., dem Frontmann der Fantastischen Vier. Er verschlang vor einem Interview eine Apfel-Marzipan-Kreation von Sibel und sprach danach nur noch vom besten Muffin der Welt. Seither heisst das Süssgebäck – wie der Song von Fanta 4 – MfG. Die Besten zu sein, darum geht es den Erisiks aber nicht. Und auch nicht darum, Fleisch­esser zu bekehren. Sie wollen einfach kochen, lecker und fern von Tierleid, ­vegan halt.

www.ellenbelle.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2014, 07:14 Uhr

Den Schwestern Elif (links) und Sibel Erisik geht es um die Überzeugung. Foto: PD

Artikel zum Thema

Brauchts ein Pflichtprogramm für Veganer?

Pro & Kontra Zwei Volksinitiativen fordern, dass in Kantinen mindestens ein Menü auf der Karte ohne tierische Produkte auskommen muss. Mehr...

Voll vegan mit Fleisch

Die Zürcher Filiale der Fast-Food-Kette Freshii ist ein Paradies für den Vegetarier. Aber auch der Fleischesser hat ein Lächeln im Gesicht. Mehr...

Besondere Ernährungsformen

Vegan, vegetarisch oder nur mit Rohkost – hinter den unterschiedlichen Arten, sich zu ernähren, stecken unterschiedliche Über­zeugungen. Themen wie Massentierhaltung, Allergien, Klimawandel, Ressourcenverbrauch oder Lebensmittelskandale bewirken, dass man sich vermehrt mit seiner Ernährung auseinandersetzt. Die verschiedenen Philosophien zeigen sich auf den Tellern:

Vegetarier: Kein Fleisch und Fisch, aber Milchprodukte, Eier, Honig. Darf Leder tragen.

Veganer: Rein pflanzliche Ernährung. Tierische Produkte werden generell abgelehnt (auch Milch, Eier, Honig oder Leder).

Flexitarier: Vegetarier, die ab und zu Fleisch oder Fisch essen.

Frutarier: Ernährung nur aus Fallobst, Nüssen oder Samen.

Rohköstler: Essen alles, was roh ist oder nicht über 40 Grad erhitzt wurde. (S. B.)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...