Der Vegi-Hund, kommt das gut?

Die Meinungen über die vegane Ernährung für Tiere gehen auseinander, und sie werden ziemlich emotional bis unsachlich dargelegt.

Die Ernährung von Hunden und Menschen gleicht sich an. (Foto: Ed Snowshoe/ Getty)

Die Ernährung von Hunden und Menschen gleicht sich an. (Foto: Ed Snowshoe/ Getty)

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Schoko und Axel sind zwei leistungsfähige Fressmaschinen; die beiden Labradore würden grundsätzlich alles verspeisen, was ihnen vor die Schnauze kommt. Dürfen sie aber nicht. Ihr Frauchen achtet streng darauf, dass sie kein Junkfood zwischen die Zähne bekommen. Martina Hinterwallner ist Veganerin, aus ethischen Gründen. Während sie ihre Ernährung umstellte, fütterte sie die Hunde weiter nach der Barf-Methode mit rohem Fleisch, Knochen, Innereien und Rohkost, eine Art Paläo-Diät nach dem Vorbild der Wölfe.

Es kam ihr zunehmend grotesk vor: Um Tierleid zu vermeiden, ass sie selbst nur Pflanzliches, aber ihren Haustieren verfütterte sie Teile anderer Tiere. «Mich hat es gegraust vor dem Fleisch, und ich fand es für meine Hunde genauso wichtig wie für mich, sie möglichst gesund zu ernähren.» Also stellte sie auch die Ernährung der Hunde um: auf rein vegane Kost.

Exquisites Angebot

Schoko und Alex sind somit auf der Höhe der Zeit. Der Verzicht auf tierische Produkte ist ein Gesellschaftstrend, der sich immer stärker auch auf die Ernährung von Haustieren auswirkt. Mehr als 8 Millionen Vegetarier leben nach Angaben des Vegetarierbunds in Deutschland, ungefähr gleich viele Hunde gibt es (8,6 Millionen). In der Schweiz ernährt sich mehr als jede zehnte Person zwischen 15 und 75 Jahren vegetarisch und rund 3 Prozent vegan.

Das entspricht über 900'000 Schweizerinnen und Schweizern, die sich fleischlos ernähren. Die Zahl der Veganer hat sich innerhalb weniger Jahre vervielfacht. Gleichzeitig wächst die Begeisterung für Haustiere – über eine halbe Million Hunde gibt es in der Schweiz. Die Schnittmenge zwischen Hundehaltern und Veganern ist gross. Für die Tier­industrie ein gefundenes Fressen: Das Segment an veganen und vegetarischen Produkten für Tiere wird ständig ausgeweitet.

Das Angebot ist exquisit: Büchsenfutter aus Soja, weizenfreies Trockenfutter mit Cranberrys, Roter Bete und Algenextrakt – und für die Allergiker unter den Vierbeinern die glutenfreie Mischung «Sensibelchen No. 1» mit Linsen, Amaranth, Lupine, Karotten, Algen und Chiasamen. Für die menschlichen Vegetarier gibt es Tofu-Würstchen und Seitan-Ente als Fleischersatz, für Hunde werden Knochen aus Süsskartoffelstärke nachgebaut, sogar vegane Schweine­ohren sind im Angebot – aus Kartoffelstärke, Glycerin, Cellulosepulver, Lecithin, Hefe und Farbstoffen. Dazu kommen Ergänzungsfuttermittel, die dem Tier fehlen, wenn es zum Veganer wird.

«Wenn man dem Hund die Wahl liesse, würde er sich wahrscheinlich für das fleischhaltige Futter entscheiden.»

Ob es notwendig ist, ein imitiertes Schweineohr aus Cellulose und Zusatzstoffen herzustellen, sei dahingestellt; aber ist es für einen Hund wirklich gesünder als ein echtes Schweineohr? Und kann man Haushunde fleischlos ernähren, ohne dass es zu Mangelerscheinungen kommt?

Die Meinungen über die vegane Ernährung für Tiere gehen auseinander, und sie werden ziemlich emotional bis unsachlich dargelegt. Seriöse Studien gibt es nicht, obwohl dies immer wieder von Tierrechtlern behauptet wird. Eine oft zitierte Untersuchung, die über die Peta-Zeitschrift «Animal Times» ausgeschrieben wurde, gilt unter Fachleuten als einseitig und wenig aussagekräftig, da es sich bei den 300 dokumentierten Fällen ausschliesslich um vegan ernährte Hunde von Peta-Sympathi­santen handelte, eine Kontrollgruppe mit fleischfressenden Hunden gab es nicht.

Es steht in Fachkreisen mehr oder weniger fest, dass sich das Verdauungssystem des Hundes im Verlauf seiner Domestizierung an den Menschen angepasst hat. Wölfe ernähren sich hauptsächlich von Fleisch, Hunde bekamen immer wieder Reste von gekochtem Essen ab. «Vom Stoffwechsel her sind Hunde deutlich flexibler», sagt Jürgen Zentek, Direktor des Instituts für Tierernährung an der FU Berlin. Ziemlich sicher ist auch, dass veganes Futter für Katzen auf Dauer nicht infrage kommt, denn ihr Stoffwechsel ist darauf eingerichtet, Mäuse zu fangen und zu verspeisen. Zum Speiseplan von Hunden gehören auch pflanzliche Bestandteile, «aber ob es biologisch auf Dauer sinnvoll ist, sie rein vegetarisch zu ernähren, weiss man aus wissenschaftlicher Sicht nicht», sagt Zentek.

Allergisch auf Fleisch

Ein fleischlos ernährter Hund wird aber nicht zwangsläufig krank. Vegan lebende Hundehalter verweisen gerne auf Bramble, einen Border Collie, der laut «Guinnessbuch der Rekorde» 27 Jahre alt wurde – er wurde von seinem Frauchen angeblich mit einer Mischkost aus Reis, Linsen und biologisch angebautem Gemüse ernährt.

Ist pflanzliches Hundefutter also die bessere Wahl für ein gesundes Hundeleben oder in Dosen gepresste Vermenschlichung? «Es hat oft mehr mit dem Lebensstil des Hundehalters zu tun, den er auf das Tier überträgt», sagt Tierernährungs-Experte Zentek, «wenn man dem Hund die Wahl liesse, würde er sich wahrscheinlich für das fleischhaltige Futter entscheiden.»

Doch viele Tierhalter verzweifeln am konventionellen Futter, ob nun Veganer oder nicht. Denn, so absurd das klingt: Es kommt immer wieder vor, dass Hunde allergisch auf Fleisch reagieren, jedenfalls auf den Billigfrass, der aus Schlachtabfällen besteht, die für den menschlichen Verzehr nicht mehr infrage kommen. Betroffene Tiere leiden an Hautausschlag, Fellproblemen, Diabetes, Verfettung und anderen Krankheiten.

Bei Martina Hinterwallners Hunden war es ähnlich. Ihre Labrador-Hündin hatte schuppiges, mattes Fell, bis sie veganes Futter bekam, erzählt Schokos Frauchen. Martina Hinterwallner war begeistert und schrieb ein Buch über veganes Hundefutter inklusive Rezepten und Erziehungstipps im Eigenverlag. Titel: «Healthy Vegan Dogs. Wie man Hunde gesund vegan ernährt». Die Reaktionen waren gemischt, teilweise gehässig. «Dieses Buch wird dem veganen Gedanken schaden», kritisierte eine Veganerin, ein anderer Rezensent giftete: «Ich werde meinen Hunden sicher keine Pizza backen.»

Nach eineinhalb Jahren mit veganem Hundefutter kam Martina Hinterwallner dann doch ins Grübeln. «Wenn meine Hunde auf der Strasse einen Döner oder eine Bratwurst riechen, sind sie natürlich total fasziniert», sagt sie, «das kann ich ihnen nicht verdenken. Ich habe irgendwann beschlossen, sie nicht mehr rein vegan zu ernähren.» Schoko und Axel bekommen jetzt wieder dreimal in der Woche Fleisch – feinstes Bio­hühnchen, zubereitet von einer veganen Profiköchin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2017, 22:22 Uhr

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