Ein Hoch aufs Toastbrot

Ob mit Konfitüre, mit Käse überbacken oder als kühles Sandwich – das Kastenbrot wird bei uns unterschätzt. Leider.

Das Aussehen ist Geschmackssache. Aber dem Geruch von frisch geröstetem Toast kann wohl niemand widerstehen. Foto: Corbis, Getty

Das Aussehen ist Geschmackssache. Aber dem Geruch von frisch geröstetem Toast kann wohl niemand widerstehen. Foto: Corbis, Getty

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Was sind schon buttrige Gipfeli? Und warum reden alle zurzeit von knusprigen Baguettes? Höchste Zeit, eine Lanze zu brechen für eine Brotsorte, die von Feinschmeckern in aller Regel mit Verachtung gestraft wird: das wunderbare Toastbrot.

Warum dieser kulinarische Snobismus? Das meist in Plastik eingeschweisste, vorgeschnittene Weichbrot, das vergleichsweise wenige Mineral- und Ballaststoffe enthält (und zudem oft einen höheren Anteil an Zucker und Fett), passt nicht unbedingt zum ach so gesunden Zeitgeist.

Was wären weisse Bohnen, Bacon und Spiegelei, wenn da nicht dieses Knuspern im Mund hinzukäme?

Umso erstaunlicher: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Nicht weniger als 8 Prozent des gesamten Brotumsatzes bei der Migros wird mit Toastbrot erzielt – nicht schlecht angesichts des Rufs, den das Lebensmittel hat. Und, dies ist vielleicht noch eine Spur überraschender, bei Toastbrot handelt es sich um einen wachsenden Markt, wie es beim Detailhändler heisst. Auch Konkurrent Coop bestätigt, dass die Verkaufszahlen steigen.

An was liegts? Es gibt – vom Kaffeeduft mal abgesehen – keinen Odeur, der verführerischer an den Zmorgetisch lockt, als derjenige von Toastbrot, das im Toaster bräunt. Dafür verantwortlich ist, wie beim Rösten von Gemüse oder Fleisch, die sogenannte Maillard-Reaktion, bei der vereinfacht gesagt Zucker und Aminosäuren durch die Einwirkung von Hitze miteinander reagieren. Begünstigt wird besagter Prozess durch den erwähnten leicht höheren Fettgehalt, der dem Brottyp eigen ist. Gut zu wissen: Wenn explizit von «Buttertoast» die Rede ist, handelt es sich beim Fettstoff ausschliesslich um Butter.

Himmlische Kraftnahrung

Wie stärkend ein Stück Toast nach dem Aufwachen sein kann, lässt sich, da dürften Gourmets aufhorchen, sogar in der Bibel nachlesen: Es ist immerhin ein Engel, der dem Propheten Elias, der unter einem Wacholder schläft, geröstetes Brot und Wasser bringt. Was diesem genug Kraft gibt, um danach 40 Tage und Nächte durch die Wüste bis zum Berg Horeb zu wandern. Wo, bitte schön, ist im Heiligen Buch von «Püürli» die Rede?

Eines der stärksten Argumente für Toast ist dessen Konsistenz, wenn er geröstet worden ist. Jeder, der mal in Grossbritannien war, kennt es: Was wären in Tomatensauce schwimmende weisse Bohnen, triefende Sausages und Bacon, Spiegelei und gebratene Champignons, wenn da nicht dieses Knuspern im Mund hinzukäme? Dieser unvergleichliche Biss, der einzig Toast mit sich bringt? Ganz egal, wie man die Frage beantwortet, die zu Beginn eines englischen Frühstücks stets gestellt wird: ­«White or brown?» Die helle Variante schmeckt um Längen besser, die dunkle Version beruhigt das Gewissen, weil da wenigstens einige Ballaststoffe drin sind.

Bereit für die Teaparty: Dreieckiges Toastbrot mit Butter und köstlichen Gurkenscheiben. Foto: iStock, Getty

Schön auch die in besseren Herbergen in ganz Europa anzutreffende Sitte, Toaststreifen zum gekochten Frühstücksei zu reichen, die man dann ins flüssig-warme Dotter tunken kann. Weil diese Streifen so stramm auf dem Tellerrand liegen, werden sie englisch militärisch «Soldiers» genannt. Man kann dazu trotzdem fast nicht «Nein» sagen. Ebenso wenig wie zu Röstbrot, ordentlich gebuttert und mit dem hefig-salzigen Aufstrich Marmite bestrichen. Das Ganze wird heruntergespült mit einem Schwarztee mit Milch. Wie belebend nach all dem Bier im Pub am Vorabend …

Quadratisches Instantglück

Die Briten, die spinnen eh, werden jetzt manche sagen. Doch auch in unseren Längengraden wird dem Brottypus gehuldigt: Toast Hawaii, mit Käse, Schinken und Dosenananas, dieses vor zig Jahren auch in unseren Küchen in Mode gekommene Instantglück, ist erst dann perfekt, wenn die Brotunterlage quadratisch ist und eine Cocktailkirsche obendrauf thront. Man ist geneigt zu sagen: Das Runde muss aufs Eckige.

Was den Erfolg des Toastbrots bei uns begünstigt: Das vorgeschnittene Kastenbrot ist – vergleicht man mit anderen Brotsorten – äusserst lange haltbar. Weil es nach der Herstellung im Reinraum in einem luftdichten Beutel verpackt wird, bleibt es idealerweise wochenlang frisch. Und im Gefrierfach hält sich Toastbrot gar bis zu drei Monate; die tiefgekühlten Scheiben lassen sich einzeln entnehmen und können direkt getoastet werden. Praktisch, im Zeitalter des Einpersonenhaushalts.

Wieso verpackt man nicht andere Sorten nach dem gleichen Prinzip? Weil die Rinde bei anderer Backware in aller Regel knusprig sein soll – bloss beim Toast ist die typische Kastenform viel wichtiger als die Äusserlichkeiten. Neben der Feinporigkeit der Krume natürlich, also die vielen Luftbläschen, die das geröstete Brot so knusprig und das ungeröstete Brot so weich machen.

Teilweise wird besagte Rinde sogar abgeschnitten: Wieder schauen wir nach England, wo der sogenannte Afternoon Tea eingenommen wird. Zu einer Tasse Tee gesellt sich eine Etagère, auf der neben Scones und Süssigkeiten unbedingt auch ein mit entrindetem Toastbrot zubereitetes Gurkensandwich gehört. Es sei der Aristokrat dieses Mahls, heisst es in «The Ritz London Book of Afternoon Tea» von Helen Simpson: «Es ist kühl, wohlwollend und untadelig.» Und es sei auch ganz egal, ob die fein gescheibelte Gurke geschält sei oder nicht (ausser in den USA, wo Gurken mit Wachs behandelt werden). Wichtig sei vielmehr, so Simpson weiter, dass das Toastbrot so dünn «wie ein Blatt» sei. Und wenn wir grad dabei sind: Viel Butter gehört in so ein Gurkensandwich. Es bewahrt das Brot davor, zu viel Flüssigkeit aufzusaugen.

Toast, so dürften Gourmets nun zugeben, ist eines der am meisten unterschätzten und vielfältigsten Lebensmittel überhaupt. Es existiert sogar ein Rezept für diejenigen, die sich nicht entscheiden können, ob sie den Toast lieber bleich oder angeröstet möchten: Isabella Beeton hat 1861 in ihrem «Book of Household Management» das «Toast Sandwich» erfunden. Zwischen zwei ungetoastete Scheiben kommt eine weitere Scheibe gerösteter und mit viel Butter bestrichener Toast, gewürzt mit Salz, Pfeffer und Kreuzkümmel. Wenn das keine Liebeserklärung an die Delikatesse ist, was dann?

Erstellt: 20.09.2019, 18:41 Uhr

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