Ein Virtuose nach allen Regeln der kulinarischen Kunst

Curnonsky nannte sich der erste Meister der Restaurantkritik. Nun lüftet eine interessante Biografie die Geheimnisse des Maurice-Edmond Sailland.

Wenn Essen und Trinken Kunst ist: Die von Curnonsky (Mitte, sitzend) gegründete Académie Gastronomique bei der Weinlese (ca. 1930).

Collection Rolf Heyne

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Über den Namen Curnonsky sind vermutlich schon alle gestolpert, die sich für Restaurantbesprechungen interessieren, gewiss in Frankreich und sicher in Paris. Curnonsky hiess der Mann, der die Gastrokritik nicht erfunden, aber bis heute enorm geprägt hat. Vor allem die französische. Ein Mann mit einem so unfranzösisch klingenden Namen?

Curnonsky freilich war Franzose vom Scheitel bis zur Sohle, konservativ gekleidet und versehen mit Manieren, die eine Grossmutter aus alter Familie ihrem Enkel vermitteln kann; einer vom Land, der ein Pseudonym hatte, weil er als Student schreiben wollte und ihm ein älterer Redaktor geraten hatte, sich hinter Buchstaben zu schützen, die nicht direkt auf seine Identität hinwiesen – andernfalls sei die Existenz als Gesellschaftsreporter heikel, vor allem wenn man aus den erotischen Etablissements der Lichterstadt zu berichten gedenke.

Tücken des Pseudonyms

Die beiden diskutierten, und da zu dieser Zeit in Paris ein Russlandfimmel grassierte und der junge Mann aus der Provinz Anjou ein Faible für Dostojewski hatte, sollte es ein Alias mit der Endung «-sky» sein. Warum nicht («cur non» auf Lateinisch), sagten sich die beiden, und so wurde aus Maurice-Edmond Sailland, am 12. Oktober 1872 geboren und aufgewachsen in Angers, eben der Schriftsteller und Reporter Curnonsky.

Später, im Alter von über 80 Jahren, sollte «Cur» über seinen «nom de guerre» seufzen: «Warum nur», dürfte er sich gefragt haben, als er sich von einer von den Folgen des Zweiten Weltkriegs gebeutelten grauen Maus im Pariser Rentenbüro sagen lassen musste, er solle hieb- und stichfest begründen und gefälligst beweisen, wer alles er gewesen sei, wer ihn bezahlt habe – sonst könne er seine Ansprüche vergessen.

Viel verdient, viel ausgegeben

Curnonsky war ein Mann der Belle Epoque, hatte reichlich verdient und das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Nach ihrem Untergang und den beiden Weltkriegen blieben Cur Erinnerungen, haufenweise Dokumente, aber keine Buchhaltung, keine Fakten, Verträge oder Abrechnungen – wie sollte er der Büromamsell also klarmachen, dass er einst Tausende von Artikeln und mehr als 60 Bücher geschrieben hatte? Aber nie unter seinem Namen, sondern als Willy, Perdiccas Dranem, Gaudivier, S’en-bat-œuil, Monsieur Fred ...

«Curnonski oder Curnonsky? Wie soll ich das erklären? – weder das eine noch das andere», schrieb er. «Ich bin niemand anderes als Maurice-Edmond Sailland, einziger Sohn von Edmond-Georges Sailland. Ich erkläre schon mehr als fünfzig Jahre, dass ich weder Russe noch Pole, weder Jude aus der Ukraine noch Tscheche bin, weder Moldovalaque noch Skipetar und auch nicht Poldève, ich bin Franzose (...). Ich bin weder Prinz noch Graf, trotzdem haben mich vor mehr als dreissig Jahren dreitausend Köche zu ihrem Prinzen der Gastronomen ernannt.»

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Anfang 1950er-Jahre laborierte Paris an den Folgen des Krieges, die wenigsten Menschen konnten einen Gedanken an Foie gras und Homard à l’Armoricain vergeuden, erst recht nicht für einen alten Mann, der in solchen Genüssen geschwelgt hatte. Auch wenn sein Palmarès beeindrucken konnte: «Ich war nacheinander Romancier, Chronist, Revuenschreiber, Humorist, gastronomischer Autor, Werbetexter, Variététheater-Kritiker, Novellist, Klatschkolumnist, Essayist, Sekretär, freier Mitarbeiter und Lohnschreiber – ‹nègre pour Willy›! Ich schrieb in einer Zeitschrift für Jugendliche. Ich habe alles Mögliche geschrieben. Ich schrieb für die ganze Welt.»

Basis der «Michelin»-Sterne

Und redigierte auch noch Colettes ersten Roman «Claudine», hätte er anfügen können, oder schuf die Basis für den bedeutendsten Gastronomieführer, den «Guide Rouge» von Michelin, indem er jahrelang für den Pneufabrikanten die Kolumne «Les Lundis de Michelin» unter dem Pseudonym Bibendum schrieb.

Er setzte sich für die regionalen und lokalen Spezialitäten Frankreichs ein und forderte seine Leser auf: «Iss niemals in Dunkerque eine Bouillabaisse und bestelle niemals in Marseille eine Sauerkrautplatte.» Restaurants ordnete er in vier Kategorien, in Haute Cuisine, bürgerliche Küche, regionale und ländliche, und kürzte sie ab mit 1, 2, 3 und 4 – den Vorläufern der Sterne.

In einem opulent gestalteten Buch erzählt Inge Huber, Kunsthändlerin und Gartengestalterin, die erstaunliche Geschichte von Maurice-Edmond Sailland (1872–1956), für seine Freunde Cur, und schildert mit reichem Bildmaterial eine Zeit, die von heutigen Stehendverschlingern und Partyhoppern mehr als nur ein Jahrhundert entfernt zu sein scheint.

Unter Russ und Schmutz vergraben

Vor sieben Jahren erwarb Inge Huber eine Pariser Bibliothek und stiess beim Sichten von Folianten und Kunstbänden auf Kartons, die unter Russ und Schmutz lagen. Darin fand sie den verschollen geglaubten Nachlass von Curnonsky. Huber liess sich von diesem Wust an prallem Leben faszinieren, recherchierte und reiste den Spuren Curs nach, publizierte drei Bücher über ihn auf Französisch und nun diese Biografie.

Die Autorin erzählt Curs Leben nicht der Reihe nach von einem Tag zum andern, sondern hat es in Themen gebündelt – wie Kindheit und Les Halles, der Bauch von Paris, Cur als Lohnschreiber und wie Cur das Auto entdeckt, die Reise nach Indochina und Curs grosse Liebe, Cur im Theater und als Gastronomade unterwegs auf ausgedehnten Tours de France. Dank vielen Details und Zeugnissen lebt die Belle Epoque auf, und man fühlt sich rasch wohl in einer Zeit frei von Hamburgern, schlappen Pappkaffees und stinkenden Energydrinks. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2010, 14:02 Uhr

Titelbild des ersten «Bibendum»-Hefts vom 15. April 1910: Curnonsky mit einem Bauern, dessen Schaf er totgefahren hat.

Das Buch

Inge Huber: Curnonsky oder Das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland.Collection Rolf Heyne, München 2010. 256 Seiten, 200 Abbildungen, ca. 68 Fr.

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